Freie Fahrt für die Doppelmoral

Der VW-Skandal ist eine Katastrophe - und zwar für alle. Nicht nur das Image des Autokonzerns ist stark beschädigt, es müssen auch tausende Mitarbeiter um ihre Arbeitsplätze bangen. An der Börse brach die VW-Aktie so stark ein, dass sich rund 19 Milliarden Euro an Marktkapitalisierung binnen weniger Tage in Luft auflösten.

Jetzt musste VW auch noch einräumen, dass bei Spritverbrauch und CO{-2}-Ausstoß ebenfalls manipuliert wurde. Das macht den Super-GAU perfekt. Neuesten Schätzungen zufolge sollen die jüngsten Bekenntnisse mit weiteren zwei Milliarden Euro zu Buche schlagen - neben den 30 Milliarden Euro , die bisher schon im Raum standen.

Inzwischen steht die gesamte deutsche Autobranche im Generalverdacht, mit Tricksen und Täuschen die Verbrauchs- und Abgaswerte ihrer Produkte geschönt zu haben - ein Fest für Öko-Moralisten und ihre Organisationen. Sie fordern angesichts des nahenden Welt-Klimagipfels den perfekten Test. Außerdem sollen die Grenzwerte noch strenger werden. Dabei wird die Frage außer Acht gelassen, ob diese Forderungen überhaupt machbar und finanzierbar sind. Doch wenn die Argumentations-Keule ein Umweltsiegel trägt, kann sie nicht dick genug sein.

Die Kunden wiederum scheint die ganze Debatte kaum zu berühren: Die Nachfrage nach großen Geländelimousinen ist ungebremst. Immer noch prägen Leistung, Größe und Komfort die Kaufentscheidungen. An einer spartanisch ausgestatteten Öko-Kiste hat kaum jemand Freude. Die Doppelmoral feiert daher fröhliche Urständ.

Es muss auch erlaubt sein zu fragen, warum vor allem in den USA mit einem solchen Furor gegen VW vorgegangen wird. Gerade dort beherrschen überdimensionierte Pkw mit großvolumigen Motoren und entsprechendem Schadstoff-Ausstoß das Straßenbild. Es verwundert außerdem, dass ausgerechnet der texanische Landkreis Harris County mit der Ölmetropole Houston als Erster 100 Millionen Dollar Schadenersatz für 6000 VW-Dieselautos fordert. Die in dieser Region konzentrierten Raffinerien, die das Öl aus Texas und dem Golf von Mexiko verarbeiten, blasen massenweise Dreck in die Luft und wären in Europa längst stillgelegt. Geht es da wirklich um den Umweltschutz oder nur ums Geld?

Es wäre sinnvoll, in der Debatte mal durchzuatmen und die Dinge zu sortieren. Hilfreich ist dabei die klassische Strategie-Frage, wem das Ganze nützt. Während sich jeder auf VW und die deutschen Autobauer stürzt, reiben sich andere die Hände: Jetzt können alte Rechnungen beglichen, der Wolfsburger Musterknabe in die Schranken gewiesen und Märkte neu verteilt werden. Schaden wird die in typisch deutscher Heftigkeit und Gründlichkeit geführte Debatte einzig und allein dem Standort.