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Frankreichs Präsident blickt auf ein dunkles Jahr zurück

Frankreichs Präsident blickt auf ein dunkles Jahr zurück

Diesen Augenblick wird François Hollande sicher nicht vergessen: Er war allein in seinem Büro, als am 7. Januar gegen 11.30 Uhr sein Handy klingelte. "Sie sind alle tot. Komm sofort", sagte der Notarzt Patrick Pelloux, ein Freund des französischen Präsidenten.

Und der Staatschef eilte in die Pariser Rue Nicolas Appert, wo die Brüder Kouachi ein Blutbad angerichtet und zwölf Menschen getötet hatten. Praktisch die gesamte Redaktion der für ihre Mohammed-Karikaturen bekannten Satirezeitung "Charlie Hebdo " starb bei dem Überfall. Es war der Auftakt zu einem "annus horribilis", einem schrecklichen Jahr, wie die Zeitung "Le Figaro" über 2015 aus französischer Sicht schrieb.

Seinen Höhepunkt erreichte der Schrecken am 13. November mit den Angriffen auf das Stade de France, mehrere Kneipen und den Konzertsaal Bataclan. 130 vor allem junge Leute starben in jener Nacht, die das Land bis ins Mark erschütterte. "Frankreich ist im Krieg", erklärte Hollande und verhängte den Ausnahmezustand. Im Gegensatz zum Angriff auf "Charlie Hebdo " und den jüdischen Supermarkt richtete sich der Terror nicht gegen eine bestimmte Gruppe, sondern gegen die ganze Bevölkerung. Der blieb aus Sicherheitsgründen eine große Trauerkundgebung verwehrt.

Anders noch im Januar. Da waren rund vier Millionen auf die Straße gegangen, um "Ich bin Charlie" zu skandieren und für Meinungsfreiheit zu demonstrieren. Danach weiteten Hollandes Sozialisten die Befugnisse der Geheimdienste im Kampf gegen den Terror aus. Dass die Islamisten Frankreich nicht in Ruhe lassen würden, zeigten aber weitere Angriffe: Ende April vereitelte die Polizei Anschläge auf Kirchen im Großraum Paris . Im Juni griff ein mutmaßlicher Islamist eine Gasfabrik bei Lyon an und hinterließ den abgetrennten Kopf seines Chefs auf dem Zaun.

Als Ende August Ayoub al-Khazzani im Thalys von Amsterdam nach Paris seine Kalaschnikow herausholte, war klar, dass Frankreich durch das beherzte Eingreifen von US-Soldaten nur knapp einem Drama entgangen war. Der Thalys-Angreifer, der von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Syrien ausgebildet worden sein soll, führte auch dazu, dass Frankreich sich der Anti-IS-Koalition in Syrien anschloss und im September erste Luftangriffe flog. Diese Einsätze trieben die Attentäter von Paris wenige Wochen später zur Aktion. "Das ist für Syrien", rief einer der Angreifer des Bataclan. Die französische Luftwaffe weitete daraufhin ihre Angriffe aus und Hollande bemühte sich um Unterstützung möglichst vieler Länder.

Innenpolitisch spielten die Pariser Attentate dem Front National (FN) in die Hände. Die ausländer- und europafeindlichen Rechtspopulisten von Marine Le Pen etablierten sich in diesem Jahr als dritte Partei neben den regierenden Sozialisten und den Konservativen von Nicolas Sarkozy . In der ersten Runde der Regionalwahlen wurde der FN mit rund 28 Prozent sogar stärkste Partei. Abgestraft wurden bei diesen Wahlen vor allem Hollandes Sozialisten , denen es auch in ihrem vierten Regierungsjahr nicht gelungen war, den Anstieg der Arbeitslosenzahlen zu stoppen. Mit rund 3,6 Millionen Arbeitslosen ist die Zahl so hoch wie seit 1997 nicht mehr. Immerhin: Außenpolitisch konnte Hollande kurz vor Weihnachten mit dem Klimaabkommen von Paris punkten - einem Lichtblick in dem für Frankreich dunklen Jahr.