1. Nachrichten
  2. Meinung
  3. Standpunkt

Frankreich und das Gift des Antisemitismus: Immer häufiger kommt es im Nachbarland zu Übergriffen auf Juden. Viele denken deshalb daran, dem Land den Rücken zu kehren.

Analyse : Frankreich und das Gift des Antisemitismus

Unter den Juden in Frankreich herrscht große Sorge. Immer häufiger werden die Klagen wegen antisemitischer Übergriffe im Land. Wie eine aktuelle Umfrage zeigt, wurden zwei Drittel der Befragten schon einmal Ziel von Beschimpfungen, Spott oder Witzen wegen ihrer Religion.

Knapp ein Viertel (23 Prozent) gibt an, sogar Opfer körperlicher Gewalt geworden zu sein. Diese Situation spiegelt sich auch in der Kriminalitätsstatistik wieder. Nach neusten Angaben des französischen Innenministeriums stieg die Zahl der tätlichen Übergriffe mit antisemitischem Hintergrund von 311 (2017) auf 541 im Jahr 2018. Das entspricht einer Steigerung um 74 Prozent. Zuletzt wurden im Dezember im Elsass auf einem jüdischen Friedhof Dutzende Grabsteine umgestoßen und mit Hakenkreuzen beschmiert.

„Die französische Gesellschaft sieht sich mit einem um sich greifenden Antisemitismus konfrontiert“, erklärt Dominique Reynié, Direktor der Denkfabrik Fondapol, die zusammen mit dem American Jewish Committee die repräsentative Umfrage in Auftrag gegeben hat. Diese Entwicklung sei einer der wesentlichen Gründe, weshalb mehr als jeder zweite befragte Jude (52 Prozent) schon einmal darüber nachgedacht habe, Frankreich zu verlassen. Viele der Befragten versuchten, der Bedrohung im Alltag aus dem Weg zu gehen. Sie würden bestimmte Stadtviertel meiden oder auf das Tragen eine Kippa verzichten.

Besonders beunruhigend ist die Tatsache, dass vor allem junge Juden in Frankreich Opfer von antisemitischen Übergriffen werden. Das bestätigten 84 Prozent der Befragten im Alter zwischen 18 und 24. Knapp 40 Prozent aus dieser Altersgruppe wurden wegen ihres Glaubens bereits auch körperlich angegriffen. Das sei ein überaus bedenkliches Ergebnis, sagt Dominique Reynié und es deute darauf hin, dass sich die Lage der Juden in Zukunft eher noch verschlimmern werde.

Nach Ansicht vieler französischer Beobachter ist diese bedenkliche Entwicklung ein wesentlicher Antrieb für den französischen Präsidenten Emmanuel Macron, am Donnerstag an der Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Befreiung des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem teilzunehmen. Damit wolle der Staatschef den in Frankreich lebenden Juden versichern, dass sie die volle Unterstützung des französischen Volkes haben.

Wie groß die Anstrengungen in Zukunft sein müssen, um die antisemitischen Tendenzen einzudämmen, lässt eine weitere Studie erahnen. In Frankreich bestehen „alarmierende Wissenslücken“ über den Holocaust. Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Untersuchung der Conference on Jewish Material Claims Against Germany (JCC), die am Mittwoch vorgestellt wurde. Die Studie ist die vierte in einer Reihe von internationalen Umfragen der Konferenz. Die aktuellen Ergebnisse ähnelten jenen in den USA, Kanada und Österreich, heißt es.

Der Repräsentant der Claims Conference in Deutschland, Rüdiger Mahlo, forderte neue Kommunikationsstrategien. „Immer weniger Wissen über den Holocaust geht scheinbar einher mit einem immer stärker werdenden Antisemitismus in Frankreich, aber auch weltweit.“ Die Mehrheit der französischen Befragten (57 Prozent) weiß laut Studie nicht, dass während des Holocaust sechs Millionen Juden getötet wurden. Bei den jungen Menschen steige diese Zahl auf 69 Prozent.

Als ermutigend bezeichnen es die Studienautoren, dass 82 Prozent der Befragten weitere Aufklärung über den Holocaust für wichtig hielten. 79 Prozent sprachen sich dafür aus, dass alle Schüler darüber lernen müssten. Dieser Ruf nach „Holocaust-Erziehung“ decke sich mit den Ergebnissen der früheren Studien, heißt es.