Formel 1 im Vatikan

Die katholische Kirche ist beinahe 2000 Jahre alt. Große Veränderungen tragen sich dort nur mühsam innerhalb von Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten zu.

Angesichts dieses historisch und dogmatisch bedingten Schneckentempos ist Papst Franziskus in den ersten 100 Tagen seines Pontifikats mit der Geschwindigkeit eines Formel-1-Piloten durch den Vatikan geprescht.

Sein erster großer und ganz persönlicher Erfolg für die Kirche ist, dass er einen inneren Klimawandel herbeigeführt hat. Noch vor Monaten mussten sich Katholiken für die Verhältnisse im Vatikan schämen. Der Vati leaks-Skandal um Geheimdokumente, die vom Schreibtisch seines Vorgängers gestohlen wurden, bestätigte die antiklerikale Welt in ihrer Abscheu gegenüber den Verhältnissen in Rom. Heute sind nicht wenige Gläubige wieder stolz auf den Papst, sie müssen sich nicht mehr rechtfertigen für ihren Glauben. Auch Nicht-Katholiken interessieren sich plötzlich für den eigenwilligen Mann aus Buenos Aires. Nach den für die Außendarstellung der Kirche verheerenden Jahren mit Benedikt XVI. läuft mit Franziskus eine spontane PR-Kampagne, die sich die vatikanische Pressestelle nicht besser hätte ausdenken können.

Bergoglios unkonventionelles Auftreten ist längst Programm. Und klug seine Entscheidung, weiter im viel besuchten Gästehaus Santa Marta und nicht im Apostolischen Palast zu leben. Benedikt etwa wurde unter anderem die Isolation zum Verhängnis, Franziskus behält, so scheint es, bislang den Überblick. Immer noch kommen regelmäßig mehr als 100 000 Besucher zu den Generalaudienzen, und unter dem Mantel dieser Begeisterung kann der neue Papst wichtige Fragen angehen.

Das größte Anzeichen dafür, dass Franziskus Veränderung anstrebt, ist die Berufung einer achtköpfigen Kardinalskommission, die erstmals im Oktober tagt. Zu ihr gehört der Münchner Erzbischof Reinhard Marx, koordiniert wird die Beratergruppe von Oscar Rodriguez Maradiaga aus Honduras. Der Caritas-Chef ist ein Gegenspieler von Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, der im Vatikan lange Zeit viel Macht hatte und für manchen Missstand verantwortlich gemacht wird. Die richtigen Leute an den richtigen Stellen zu platzieren, ist die vornehmliche Aufgabe des Papstes in den ersten Monaten. Franziskus nutzt seine Möglichkeiten.

Gleichwohl darf man vom Papst aus Argentinien keine inhaltliche Revolution erwarten, im Gegenteil. Die Weltkirche, die Bischöfe werden unter Franziskus zwar mehr zu melden haben, Rom und der Vatikan könnten in einigen Bereichen etwas Einfluss verlieren. Was aber die dogmatische Linie angeht, etwa Fragen wie Abtreibung oder Zölibat, steht der Papst in absoluter Kontinuität seiner Vorgänger. Damit wird Franziskus auch einige Hoffnungen enttäuschen.