Es brodelt heftig in ganz Südamerika. Frust über Korruption, soziale Ungerechtigkeit und wirtschaftliche Härten entlädt sich in Protesten

Frust über Korruption und soziale Ungerechtigkeit : Es brodelt heftig in ganz Südamerika

Seit Wochen wird Südamerika von einer Welle der Proteste erschüttert. Die Wut der Menschen zeigt: Trotz vielerorts sprudelnder Einnahmen aus dem Rohstoffgeschäft ist es den Regierungen der Region nicht gelungen, die Gewinne gerecht zu verteilen und für einen sozialen Ausgleich zu sorgen.

So übernimmt der neue Präsident Alberto Fernández das Land Argentinien mitten in einer schweren Wirtschafts- und Finanzkrise. Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet für das laufende Jahr mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um 3,1 Prozent und einer Inflationsrate von 54,4 Prozent. Die Armut in einem der einst reichsten Länder der Welt nimmt immer weiter zu: 2018 rutschten laut Statistikbehörde 3,4 Millionen Argentinier in die Armut ab. Nun leben 35,4 Prozent der Menschen unterhalb der Armutsgrenze. Gewerkschaften und soziale Bewegungen fordern mehr Sozialmaßnahmen und legen mit Protesten immer wieder die Hauptstadt Buenos Aires lahm.

In Chile hat Präsident Sebastián Piñera nach wochenlangen Protesten und gewalttätigen Ausschreitungen mit rund 20 Toten die Reißleine gezogen und den Asien-Pazifik-Gipfel und die Weltklimakonferenz in Santiago abgesagt. Dabei galt Chile in der Unruheregion Südamerika lange als Hort der Stabilität. Allerdings gibt es im reichsten Land der Region hohe Einkommensunterschiede. Die heftigen Proteste entzündeten sich letztendlich an einer relativ bescheidenen Erhöhung der Metro-Preise.

Bolivien hat mit Evo Morales den dienstältesten Präsidenten des Kontinents. Bereits seit 2006 leitet der frühere Koka-Bauer die Geschicke Boliviens – wenn es nach ihm geht, will er bis 2025 am Ruder bleiben. Nach der ersten Runde der Präsidentenwahl am 20. Oktober erklärte er sich direkt zum Sieger, obwohl die Opposition, aber auch die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) und die EU erhebliche Zweifel anmeldeten. Seitdem liefern sich Anhänger und Gegner von Morales heftige Auseinandersetzungen. Zwar floriert Bolivien unter dem linken Präsidenten dank der Förderung von Gas und Lithium. Doch das zunehmend selbstherrliche Gehabe des Staatschef stößt immer mehr Bolivianern bitter auf.

In Venezuela liefern sich Staatschef Nicolás Maduro und der selbst ernannte Interimspräsident Juan Guaidó einen erbitterten Machtkampf. Maduro ist international weitgehend isoliert, hält sich mit Hilfe des Militärs aber weiter an der Macht. Guaidó wird auf dem internationalen Parkett zwar hofiert, kann sich in Venezuela selbst aber nicht durchsetzen. Die humanitäre Lage in dem einst reichen Land mit den größten Erdölreserven der Welt ist katastrophal: Es fehlt an Lebensmitteln, Medikamenten und Dingen des täglichen Bedarfs. 4,5 Millionen der gut 30 Millionen Venezolaner haben das Land bereits verlassen.

In Ecuador sind bei Protesten der indigenen Bevölkerung gegen die Streichung von Benzinsubventionen mehrere Menschen ums Leben gekommen. Die Demonstranten steckten den Rechnungshof in Quito in Brand, die Polizei ging mit Tränengas und gepanzerten Fahrzeugen gegen die Demonstranten vor. Die Kürzung der Subventionen für Treibstoff um jährlich 1,2 Milliarden Dollar war eine Auflage des IWF für einen Kredit von 4,2 Milliarden Dollar. Dadurch kostete der Liter Diesel das Doppelte.

Peru hat der Kampf gegen die weit verbreitete Korruption in eine Staatskrise geführt. Weil er sich in seinen Bemühungen gegen Vetternwirtschaft und Mauscheleien vom Kongress ausgebremst sieht, hat Präsident Martín Vizcarra das Parlament aufgelöst und eine Neuwahl für Januar anberaumt. In den vergangenen Jahren konnte Peru zwar mit soliden Wachstumsraten glänzen, die boomende Wirtschaft machte das Land aber auch anfällig für Korruption.

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