Emotion statt Sachlichkeit

Die heiße Phase des Wahlkampfs hat begonnen. Nur noch vier Wochen bleiben bis zum Referendum am 23. Juni, bei dem die Briten über ihre Mitgliedschaft in der EU abstimmen dürfen. Jeden Tag werden deshalb je nach Kampagnenseite Prophezeiungen verbreitet, was dem Königreich nach einer Trennung oder bei einem Verbleib blühen werde. Chaos und Untergang, so der Tenor, drohe in jedem Fall. Diese bitter geführte Debatte überrascht, weil sie unüblich für die pragmatischen Briten ist, die die EU-Mitgliedschaft stets als reine Geschäftsbeziehung betrachtet haben.

Wirtschaftsangelegenheiten, Sicherheitsfragen und Einwanderung stehen im Fokus. Es wäre im britischen Interesse, diese Anliegen in einer ernsthaften politischen Auseinandersetzung nüchtern zu behandeln, um nicht nur den lückenhaften Informationsstand über Brüssel zu erhöhen, sondern die Menschen vor allem von der Bedeutung der Abstimmung zu überzeugen. Denn dieses Referendum ist wirklich eine historische Entscheidung.

Es bleibt ein Rätsel, warum die EU-Freunde sich auf das Spiel der Brexit-Befürworter eingelassen haben und in die emotionalisierte Debatte eingestiegen sind. Nun jonglieren sie häufig mit Halbwahrheiten und unbewiesenen Behauptungen, für die sie wiederum von der anderen Seite abgewatscht oder ins Lächerliche gezogen werden. Das Niveau ist unterirdisch. Das geht leider zu Lasten der Briten. Dabei sprechen die Fakten für sich, die pro-europäische Kampagne müsste ihnen nur vertrauen. Denn der Glaube, dass die Insel nach einem Austritt beispielsweise uneingeschränkten Zugang zum europäischen Binnenmarkt erhalten werde, ohne aber die Spielregeln der EU zu achten, ist reines Wunschdenken. Und auch wenn es fast unmöglich ist, die langfristigen Konsequenzen eines Brexits für die britische Ökonomie zu prognostizieren, so darf davon ausgegangen werden, dass es mit dem Höhenflug der Wirtschaft des Landes zu Ende sein dürfte. Bereits jetzt verliert das Pfund unentwegt, Unternehmen halten sich aufgrund der Unsicherheiten mit Investitionen zurück.

Die Folgen eines Ausstiegs wären zudem für ganz Europa fatal. Klar, die Briten haben sich stets als unbequeme Partner präsentiert, was zu einer langen Liste von Ausnahmen führte. Sie haben die EU, etwa beim Freihandel oder der Wettbewerbsfähigkeit, aber auch mitgeformt. Auf der Insel ziehen die europakritischen Boulevardblätter aber lieber die anti-deutsche Karte und stellen David Cameron als Angela Merkels Marionette dar. Das ist wenig zielführend. Schon jetzt spaltet die EU-Frage die Gesellschaft.

Die Briten müssen sich schnell wieder auf ihre leidenschaftslose Beziehung zum Kontinent besinnen. Dann wäre auch die Gefahr des Brexits gebannt - von dem wirklich nur Populisten und Polit-Karrieristen profitieren.