Eine Chance für die Bürger

Ein kurzer Rückblick ins Jahr 2009: Damals erlebte Deutschland keinen Wahlkampf, sondern einen Wahlkrampf. Ermattet von der Finanzkrise waren Union und SPD kuschelnd aus ihrer großen Koalition gekommen, vor allem Kanzlerin Angela Merkel hatte die Wähler mit sanfter Inhaltsleere in kollektiven Tiefschlaf versetzt

Ein kurzer Rückblick ins Jahr 2009: Damals erlebte Deutschland keinen Wahlkampf, sondern einen Wahlkrampf. Ermattet von der Finanzkrise waren Union und SPD kuschelnd aus ihrer großen Koalition gekommen, vor allem Kanzlerin Angela Merkel hatte die Wähler mit sanfter Inhaltsleere in kollektiven Tiefschlaf versetzt. Schon jetzt lässt sich prophezeien, dass das Bundestagswahljahr 2013 gänzlich anders laufen wird. Zum Glück.Das neue Jahr verspricht spannender und aufregender zu werden. Anders als 2009 kann sich die Kanzlerin ihrer Sache nicht sicher sein, auch wenn der SPD-Herausforderer derzeit kaum ein Fettnäpfchen auslässt. Aber Peer Steinbrück verfügt über eine gehörige Portion Selbstbewusstsein, außerdem über beachtliche rhetorische Fähigkeiten, kombiniert mit einer Leidenschaft für politische Attacke - ähnlich wie einst der Wadenbeißer Gerhard Schröder. Das könnte, nein, das wird Merkel dazu zwingen, aus ihren europapolitischen Sphären herabzusteigen und sich auch mal um die Probleme vor der eigenen Haustür zu kümmern. Was der Republik nur gut tun kann.

Um diese Fragen muss es gehen, das steht auf der Agenda: Wie kann das Land gerechter werden, wenn sich trotz sinkender Arbeitslosigkeit die soziale Spaltung vergrößert statt verkleinert? Wie wird das alte Versprechen von Bildungschancen für alle endlich eingelöst? Wie wollen die Parteien die Finanzmärkte zügeln, die Energiewende bezahlbar machen, wie den demografischen Wandel über schöne Worte hinaus endlich gestalten?

Nicht zuletzt werden die Wähler wegen des andauernden Euro-Dramas auch darauf achten, wer es mit der Konsolidierung des Haushalts ernst meint in Deutschland. Die Sorge, von den Schulden des Staates irgendwann erdrückt oder gar von der europäischen Krise mitgerissen zu werden, ist inzwischen gesellschaftlich weit verbreitet. Einiges deutet deshalb darauf hin, dass sich die Parteien diesmal nicht wie sonst mit schwammigen Wahlprogrammen vor mutigen und überzeugenden Lösungen drücken können.

Noch ein wichtiger Punkt kommt hinzu: Die Wahrscheinlichkeit, dass die nächste Bundesregierung wieder schwarz-gelb gefärbt ist, erscheint angesichts des desolaten Zustands der FDP immer geringer. Welche Koalition also könnte nach der Bundestagswahl in Berlin regieren? Zwischen welchen Parteien ließen sich die meisten Schnittmengen finden? Der Wähler wird genau hinhören und seine Antwort auf diese Frage mehr denn je aus den inhaltlichen Angeboten ableiten. Selten standen dabei übrigens die Chancen so gut, mit dem Stimmzettel die Koalitionsbildung direkt zu beeinflussen - nach dieser Wahl ist fast alles möglich. Der Bürger muss seine Chance nur nutzen.