Ein neues Frankreich

Eines ist seit Sonntagabend klar: Die Franzosen wollen eine Erneuerung. Nach Ex-Präsident Nicolas Sarkozy und seinem Minister Alain Juppé wählten sie auch den früheren Regierungschef Manuel Valls ab. Statt dessen soll der noch unverbrauchte Benoît Hamon die Sozialisten in die Präsidentschaftswahlen führen. Er war ebenso Außenseiter wie der Kandidat der Konservativen, François Fillon . Noch vor drei Monaten wäre eine solche Konstellation völlig unvorstellbar gewesen. Damals wurde Alain Juppé bereits als nächster Staatschef gehandelt und an der Kandidatur des glücklosen Präsidenten François Hollande für die Sozialisten zweifelte auch kaum einer.

Nun hat sich das Bewerberfeld fast durchweg verändert und mit dem parteilosen Emmanuel Macron sogar einen neuen Favoriten der Mitte hervorgebracht. Die neuen Gesichter tun dem Land gut - egal, wie die Präsidentschaftswahlen ausgehen. Sie zeigen, dass sich etwas bewegt in Frankreich. Wohin diese Bewegung führen wird, ist allerdings noch nicht klar. Denn auf die Wendungen der vergangenen Wochen könnten weitere Überraschungen folgen - bis hin zu einem Wahlsieg von Marine Le Pen . Die Kandidatin des rechtspopulistischen Front National spürt nach der Wahl von Donald Trump und der Brexit-Entscheidung der Briten eine nationalistische Dynamik, die sie bis in den Elysée tragen soll. Die alte "republikanische Front" der anderen Parteien, die bisher immer gegen die EU-Gegnerin stand, bröckelt bei jeder Wahl ein wenig mehr.

Unfreiwillig könnte ihr ausgerechnet François Fillon zum Sieg verhelfen, der nach den Vorwahlen der Konservativen im November schon wie der sichere Gewinner aussah. Aber der Wahlkampf des 62-Jährigen kam nicht richtig in Gang, und sein Programm einer radikalen Kürzung der Sozialversicherung ging den meisten Franzosen zu weit. Dazu kam vergangene Woche die Affäre um eine mögliche Scheinbeschäftigung seiner Frau Penelope, die den Ruf des selbst ernannten Saubermanns schwer erschütterte. Im Fall eines Ermittlungsverfahrens könnte "Penelopegate" ihn sogar die Präsidentschaftskandidatur kosten.

Bleibt als Alternativ-Kandidat nur Emmanuel Macron, der frühere Wirtschaftsminister. Ein Ex-Sozialist, der das traditionelle Parteiengefüge mit seiner Bewegung "En Marche" aufbrechen will. Ein Unabhängiger, der nie in ein politisches Amt gewählt wurde und nun gleich den Präsidentenposten anstrebt. Mit ihm, dem jugendlichen Hoffnungsträger, könnte sich Frankreich wirklich erneuern und ein verlässlicher Partner in Europa bleiben. Doch zuerst muss Macron den Wahlkampf bestehen, der gerade erst begonnen hat. Die Präsidentschaftswahlen sind in zwölf Wochen, ihr Ausgang ist ungewisser denn je.