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Ein Meilenstein für den Behinderten-Sport

Ein Meilenstein für den Behinderten-Sport

London. Mit einem "Festival der Flamme" sind die Paralympics 2012 gestern Abend so spektakulär zu Ende gegangen, wie sie begonnen hatten

London. Mit einem "Festival der Flamme" sind die Paralympics 2012 gestern Abend so spektakulär zu Ende gegangen, wie sie begonnen hatten. Der Behindertensport erlangte in London Kultstatus: Organisatoren, Athleten und das Publikum sind sich darin einig, dass die Spiele nicht nur einen Meilenstein in der Geschichte dieses Sportereignisses darstellen, sondern auch in der gesellschaftlichen Emanzipation von Behinderten.Das Sportfest in London, tatsächlich das bislang größte und erfolgreichste seiner Art mit 4200 Athleten aus 165 Nationen, ist eine Rückkehr zu den Wurzeln. Hier hatte Professor Ludwig Guttmann, der vor den Nazis nach England geflohen war, 1948 die ersten paralympischen Spiele für Rollstuhlfahrer veranstaltet. Der deutsche Arzt leitete im benachbarten Stoke Manderville eine Reha-Klinik für querschnittsgelähmte Kriegsopfer. Seine Tochter Eva Loeffler war nun "Bürgermeisterin" des paralympischen Dorfes. "Damals war es Rehabilitation", sagt sie. "Jetzt ist es Hochleistungssport."

In London purzelten Rekorde in Reihe. Mehr als 150 Athleten überboten die bisherigen Weltbestleistungen oder die Ergebnisse früherer Paralympics. Und mit 2,7 Millionen verkauften Karten erreichte auch das Interesse der Zuschauer einen neuen Spitzenwert. Obwohl rund 90 Prozent der Karten in England verkauft wurden, machten die Besucher dem sprichwörtlichen britischen Sportsgeist alle Ehre: Sie jubelten auch dann, wenn ihr "Team GB" leer ausging.

Der paralympische Superathlet Oscar Pistorius aus Südafrika wertet die Londoner Spiele als neuen Maßstab dafür, wie solche Sportveranstaltungen und behinderte Menschen allgemein gesehen werden. Eine Ansicht, die viele Kommentatoren teilen. Doch es gibt auch nachdenklichere Töne. Etwa von Neil Coyle, dem Direktor der Kampagne für die Rechte Behinderter. "Wenn der paralympische Zirkus die Stadt verlassen hat, wird so ziemlich alles beim Alten bleiben", meint er. Weil die britische Regierung die Leistungen für Behinderte drastisch kürzen will, gab es schon während der Spiele mehrere Protestaktionen. Und das Sport-Publikum solidarisierte sich: Schatzkanzler George Osborne wurde im Olympiastadion ausgebuht, als er britischen Athleten Medaillen umhängte.

Behindertensport dürfte auch in Zukunft kein Massenereignis sein, das verhindert schon das höchst komplizierte Regelwerk vieler Disziplinen. Auch die Kontroversen um zulässige Prothesen trüben das Gesamtbild der Paralympics 2012. Zugleich zeigen sie, dass die Kluft zwischen den Athleten aus westlichen Industrieländern und der Dritten Welt immer größer wird. In vielen Ländern ist der Unterschied zwischen einem Behinderten und einem Paralympioniken unüberbrückbar. So konnten die Athleten aus Gambia zwar dank gestifteter Hightech-Rollstühle in London Flagge zeigen. Doch in ihrem Land gibt es noch nicht einmal Prothesen für Menschen, die ihre Beine verloren haben.

Dennoch haben die Paralympics 2012 durch die Verbindung von spannendem Sport und dem inspirierenden Zeugnis menschlichen Willens die Wirkung der Olympischen Spiele noch übertroffen. Als Vermächtnis mag die Botschaft des genialen Astrophysikers Stephen Hawking gelten, die er mit Hilfe eines Sprachcomputers zur Eröffnungsfeier verbreitete: "Wie schwer das Leben auch aussehen mag, es gibt doch immer etwas, was man tun und womit man Erfolg haben kann."