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Ein Klassenkämpfer regiert die Glitzer-Metropole

Ein Klassenkämpfer regiert die Glitzer-Metropole

Dem Multi-Milliardär Michael Bloomberg folgt ein Klassenkämpfer: Die Wahl von Bill de Blasio zum neuen Bürgermeister New Yorks verschiebt die politischen Koordinaten am „Big Apple“ gewaltig nach links. In den 80er Jahren war der junge de Blasio nach Nicaragua gegangen, um sich von den Kämpfern der linken Sandinista-Bewegung inspirieren zu lassen.

Jetzt hat der demokratische Bürgermeister-Kandidat die Acht-Millionen-Metropole im Sturm erobert. Ausgerechnet dort, wo das Herz des amerikanischen Kapitalismus schlägt, siegte er mit seiner Vision einer sozial gerechteren Stadt haushoch über den Republikaner Joe Lhota.

"Die New Yorker haben laut und klar gesprochen", sagte de Blasio in der Wahlnacht vor einem Heer jubelnder Anhänger. Obwohl es in der Metropole sechs Mal so viele Demokraten wie Republikaner gibt, stellte die Mehrheitspartei zuletzt 1989 mit David Dinkins den Bürgermeister. Und selten zuvor erhielt ein Kandidat so ein überwältigendes Mandat wie de Blasio. Die Rückendeckung von fast drei Vierteln der New Yorker Wähler wird er für seine ehrgeizigen Ziele gut gebrauchen können. Schließlich gibt es bei den Reichen der Stadt einigen Widerstand gegen seine Ideen.

De Blasio machte mit dem Versprechen Wahlkampf, die enorme soziale Kluft im "Big Apple" zu verringern. Die große Mehrheit der Einwohner klagt über horrende Wohnkosten, fehlende Kinderbetreuung und schwindende Bildungs-Chancen. Den 400 000 Millionären, die große Teile der Glitzerwelt von Manhattan bevölkern, steht ein Heer bettelarmer Angehöriger von Minderheiten gegenüber, die immer weiter an den Rand gedrängt werden. Jeder fünfte New Yorker lebt unterhalb der Armutsgrenze. Bei dieser Klientel kommen die Forderungen nach freien Kindergartenplätzen, bezahlten Krankheitstagen, Hilfen für Alleinerziehende, Mietpreis-Regulierung und erschwinglichen Collegeplätzen gut an. Aus dem städtischen Haushalt allein kann der Reformer seine Versprechen allerdings nicht finanzieren. Deshalb will er Spitzenverdiener mit Jahreseinkünften über 500 000 Dollar (370 000 Euro) dafür zur Kasse bitten.

Trotz klassenkämpferischer Rhetorik im Wahlkampf ist das politische Ziehkind der Clintons kein Radikaler. Von seiner sizilianischen Mutter, deren Namen er nach dem Selbstmord seines unheilbar krebskranken Vaters annahm, hat de Blasio eine gehörige Portion Pragmatismus geerbt. Das hilft ihm bei der Umsetzung seiner Vision von einer offenen, toleranten, gerechten Gesellschaft. Unterstützt wird er dabei von seiner Frau, der schwarzen Poetin Chirlane McCray.

Bei der Siegesfeier beschwor der Demokrat erneut das zentrale Thema seines Wahlkampfs: Kein New Yorker dürfe zurückgelassen werden. Wenn die blumige Rhetorik verklungen ist, muss der 52-Jährige beweisen, dass er die größte Stadt der USA tatsächlich positiv verändern kann. De Blasio ist sich dessen bewusst. Von seinem Mentor Harold Ickes, der für Bill Clinton als Stabschef im Weißen Haus arbeitete, hat er gelernt, "meine Annahmen stets mit der Realität abzugleichen".