Ehe ohne Liebe

Wenn die Briten von Europa reden, meinen sie zumeist nicht sich selbst. Europa, das ist Deutschland, Frankreich oder Spanien. Irgendwie eine andere Welt. Manchmal wirkt der Ärmelkanal unüberwindbar. Dabei dauert es nur gut zwei Stunden mit dem Zug von London nach Brüssel.

Doch dort sitzt für viele Briten das Monster. Die EU als Ort der Bevormundung, der Gleichmacherei, der komplizierten Bürokratie.

Kurz vor der Parlamentswahl ist das Thema Europa zwar aus den Hauptnachrichten verschwunden, aber im Grunde versteckt es sich nur hinter dem Streitpunkt Immigration. Im Zuwanderungsland Großbritannien ist sie eines der Top-Themen und wird von den derzeit noch regierenden Tories gegeißelt, ganz zu schweigen von der rechtspopulistischen Ukip. Sogar die sozialdemokratische Labour-Partei macht immer wieder Schlenker in ungewohnte Richtungen. Die konservative Diskussion, die Arbeitnehmerfreizügigkeit in Europa aufzuweichen, wurde in den vergangenen Jahren leidenschaftlich geführt, obwohl ein solcher Schritt aufgrund der Gegenwehr der anderen EU-Mitglieder ausgeschlossen ist.

Auch deshalb hängt das Wort "Brexit" wie ein Damoklesschwert über dem Königreich. Würde sich Großbritannien tatsächlich von der EU verabschieden, wäre das eine Katastrophe für Europa, insbesondere für die Bundesrepublik, für die Großbritannien ein wichtiger Partner ist. Dabei ist die Gefahr, dass Großbritannien versehentlich austritt, real. Sollte Premierminister David Cameron im Fall einer Wiederwahl ein Referendum über die EU-Mitgliedschaft abhalten, könnte er am Ende zum Verlierer seiner eigenen Rhetorik werden. Eigentlich wollte er nur den Aufstieg der Rechtspopulisten verhindern und den EU-skeptischen Flügel in den eigenen Reihen beruhigen. Doch sein Versuch eines europapolitischen Befreiungsschlags ist grandios gescheitert.

Obwohl die Zustimmung zur EU laut Umfragen so hoch wie lange nicht ist, kochen die Diskussionen über Europa immer wieder über. Auf der Insel kann die EU nur mit wirtschaftlichen Argumenten gewinnen, wie schon vor 40 Jahren, als die Briten der Wirtschaftsgemeinschaft EWG beitraten. Bereits damals fielen politische Gründe durch, das hat sich kaum verändert. Die Menschen werden mit der EU als integrationsstiftendes Element nicht warm, schon eher mit dem Wirtschaftswachstum im Land, zu dem EU-Einwanderer beigetragen haben. Wirtschaftliche Bande machen aus einer Vernunftehe aber keine Liebe . Europa bleibt das unpopuläre Gebilde.

Egal, wer nach der Unterhauswahl am 7. Mai in Downing Street regieren wird, das Thema EU wird das Königreich weiter beschäftigen. Zu viele Briten verkennen, wie wichtig Europa für sie ist. Und merken nicht, wie wichtig sie für Europa sind.

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