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Dünnheutiges Genie der Kurzmitteilung

Dünnheutiges Genie der Kurzmitteilung

Nun hat auch Chuck Jones sein Fett abbekommen, Chef einer Gewerkschafts-Gruppe in Indiana, die die Beschäftigten des Klimaanlagenbauers Carrier vertritt: United Steelworkers, Lokal Nr. 1999. Der Mann mache einen miserablen Job, giftete Donald Trump in einem Tweet: "Kein Wunder, dass die Unternehmen aus diesem Land fliehen!" Wenn seine Gewerkschaft zu irgendwas tauge, dann wären all die Carrier-Jobs von Anfang an in Indiana geblieben, schob der designierte Präsident hinterher.

Es war der neueste Beweis dafür, wie dünnhäutig Trump auf Widerworte reagiert. Die Sache mit der Marke Carrier, die ihre Produktion nach Mexiko auslagern wollte, diente ihm im Wahlkampf als Paradebeispiel, wie schlecht die USA mit dem Freihandel fahren. Später prahlte er via Twitter damit, durch energisches Eingreifen bei Carrier mehr als 1100 Arbeitsplätze gerettet zu haben. Nur rechnete Jones ihm vor, dass es in Wahrheit nur 800 Jobs seien, die nun nicht nach Mexiko abwandern, Trump verbreite eine glatte Lüge. Worauf der Milliardär konterte, dass Jones mehr arbeiten und weniger reden solle.

Donald Trump und die Tweets, aus der Sicht des Milliardärs ist es eine große, verblüffende Erfolgsgeschichte. Als Außenseiter ins Kandidatenrennen gegangen, bediente er sich des Kurznachrichtendienstes, um einen täglichen Draht zu seinen Anhängern zu knüpfen. "Jemand hat gesagt, ich sei der Ernest Hemingway der 140 Zeichen", brüstete er sich mal.

Tatsächlich gibt es nicht wenige Amerikaner die Trump für ein Twitter-Genie halten. Indem er sich direkt an seine Follower wandte - inzwischen 17 Millionen - machte es ihm nicht viel aus, was die Zeitungen über ihn schrieben. Obwohl er Wahrheit und Fiktion auf eine Art vermengt, wie man es keinem Präsidentschaftsbewerber vor ihm durchgehen ließ, hielten etliche Wähler seine Wortmeldungen für glaubwürdiger als das, was etwa die "New York Times" berichtet. Paradox, aber wahr.

Welche Wellen seine Tweets auslösen können, zeigte sich, als er die Kosten für den Bau der Präsidentenflugzeuge kritisierte. Trump drohte damit, den Vier-Milliarden-Dollar-Auftrag für zwei neue Boeing 747 zu stornieren. Erst brach die Boing-Aktie ein, dann gelobte der Flugzeughersteller, die Kosten für die neue Air Force One unter Kontrolle zu halten.

Oder die Causa Taiwan. Nachdem er mit der Präsidentin des Inselstaats persönlich telefoniert hatte und damit ein mit Rücksicht auf China seit 1979 gepflegtes Tabu für US-Spitzenpolitiker brach, schrieb er in 126 Zeichen auf, was ihn an der Taiwanpolitik seiner Amtsvorgänger störe. Er wundere sich, warum die USA der Insel für Milliarden Militärgüter verkauften, er aber nicht ans Telefon gehen dürfe, wenn die Staatschefin der Insel dran sei. Ein weltpolitischer Schwenk in drei Zeilen: Den Diplomaten des State Department dürfte es den Angstschweiß auf die Stirn getrieben haben.

Im Weißen Haus, hat Trump nun angekündigt, werde er sich beim Twittern einschränken - auch wenn er sich für nichts zu schämen brauche. Und bis zum Einzug hat er ja auch noch über einen Monat Zeit.