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Neuer Parteimanager Harald Wolf: Dröger Pragmatiker unter linken Lautsprechern

Neuer Parteimanager Harald Wolf : Dröger Pragmatiker unter linken Lautsprechern

Berlin Wenigstens einen Personalwechsel kann die schier hoffnungslos zerstrittene Linkspartei noch mit bemerkenswerter Geräuschlosigkeit organisieren: Nachdem der Rücktritt von Bundesgeschäftsführer Matthias Höhn am Donnerstag ruchbar wurde, gingen kaum 24 Stunden ins Land, bis die beiden Vorsitzenden Katja Kipping und Bernd Riexinger einen kommissarischen Nachfolger aus dem Hut gezaubert hatten: Harald Wolf, 1956 in Offenbach geboren, soll die Partei wieder in ruhigeres Fahrwasser bringen.

Bundespolitisch ist Wolf ein unbeschriebenes Blatt. Karriere machte der für seine ruhige Art geschätzte Realo in der Berliner Landespolitik. In der rot-roten Koalition der Jahre 2002 bis 2011 brachte er es zum Wirtschaftssenator und (stellvertretenden) Bürgermeister Berlins. Inzwischen sitzt Wolf für die Linke nur noch als einfacher Abgeordneter im Landesparlament der Hauptstadt. Davor lag eine politische Odyssee, die ihn zunächst zu einem Trotzkisten am Rande des linken politischen Spektrums werden ließ. Mitte der 1980er Jahre stieß Wolf zu den Berliner Grünen, die damals noch „Alternative Liste“ hießen. 1989 war er bereits Mitverhandler bei der Bildung eines rot-grünen Senats. Damals machte sich Wolf einen Namen als beharrlicher Pragmatiker und Mann des Ausgleichs. Ein Jahr später verließ er die Grünen, um sich schließlich der Linken zuzuwenden, die noch unter dem Namen PDS firmierte. Als Wahlkämpfer in eigener Sache musste Wolf allerdings eine herbe Niederlage einstecken: Seine Spitzenkandidatur für die Berliner Linke im Jahr 2011 trug der Partei ein grottenschlechtes Ergebnis von nur knapp zwölf Prozent der Stimmen ein, was auch an Wolfs dröger Ausstrahlung gelegen haben mochte. Ein Mann der Talkshows ist der studierte Politologe sicher nicht, aber politische Lautsprecher hat die Linke ohnehin schon genug im Angebot.

Das Problem ist nur, dass es dabei alles andere als harmonisch zugeht, gelegentlich auch geradezu feindselig. Die beiden Vorsitzenden sind den beiden Fraktionschefs Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch jedenfalls in herzlicher Abneigung verbunden. Wolfs Vorgänger Höhn war in dem Gerangel um Macht und Einfluss schlicht zwischen die Fronten geraten, weshalb er vergangene Woche entnervt das Handtuch warf. Wagenknecht ging daraufhin die Vorsitzenden Riexinger und Kipping scharf an: „Wer einem Wahlkampfleiter vorwirft, dass er mit den Spitzenkandidaten gut zusammenarbeitet, der hat nicht verstanden, worum es im Wahlkampf geht“, sagte sie der „Welt“.  Dass es zwischen den Parteichefs und den Spitzenkandidaten ein Zerwürfnis gibt, war bereits bei einer Fraktionsklausur im Oktober deutlich geworden. Die Parteichefs wollten eine deutlich gestärkte Stellung in der Fraktion. Wagenknecht drohte mit Rückzug, am Ende wurden sie und Bartsch wiedergewählt.

Ob sich mit Wolf nun die große Versöhnung einstellt? Daran glaubt er offenbar selbst nicht so recht. „Ich kann nur appellieren, die Diskussion in den Gremien zu führen und nicht über die Medien und nicht über Facebook“, sagte er gestern. Es klang wie eine flehentliche Bitte. Vielleicht ist Wolf in dem ganzen Ränkespiel auch nur ein Mann des Übergangs. Jedenfalls betonte er gleich mehrfach, dass seine Zusage für den Geschäftsführer-Job nur bis zum nächsten ordentlichen Bundesparteitag im Juni 2018 gelte. Und trocken fügte er hinzu: „Die Übernahme stand nicht in meiner Lebensplanung“.

Von Euphorie kann also keine Rede sein. Co-Parteichef Riexinger äußerte die Hoffnung, dass Wolf der Job „so viel Spaß macht“, um es auch „länger“ auszuhalten. Er musste aber selbst darüber lachen.