Digitaler Schmutz

Da rollt was zu auf Politiker, Wähler und auch auf die Medien im nächsten Jahr, im Wahljahr. Der Fall Kün ast zeigt stellvertretend einmal mehr, dass die Schattenseiten des digitalen Zeitalters jeden zu jeder Zeit treffen können. Alles kann im Netz behauptet werden, jeder kann Opfer von Pöbelei oder Verleumdung werden. Und das nach wie vor weitgehend unbehelligt und ungestraft. Daumen runter für Facebook & Co.

Deshalb ist es wichtig, dass mit Renate Künast endlich jemand den Kampf aufnimmt gegen "Fake News" und gegen Verunglimpfungen. Das schafft Bewusstsein für die üblen persönlichen und gesellschaftlichen Folgen dessen, was aus dieser anderen Welt herüberschwappt. Bislang saß die Politik vor dem Phänomen meist nur wie das Kaninchen vor der Schlange. Nicht zuckend, nicht aufmuckend, auf die Selbstkontrolle der sozialen Netzwerke und auf runde Tische vertrauend. Schluss damit, denn gebracht hat es wenig. Der Hass wird weiter kübelweise im Netz ausgeschüttet und nur selten eingedämmt. Die Politik muss endlich mutig den Konflikt mit den Weltkonzernen führen, sie darf sich nicht länger mit billigen Versprechungen abspeisen lassen. Da liegt Künast völlig richtig. Und jeder Hetzer, der entlarvt und bestraft wird, schreckt hoffentlich andere ab.

Je näher das Bundestagswahljahr rückt und je mehr Details auch über den digitalen Schmutz-Wahlkampf in den USA bekannt werden, desto nervöser wird man in Deutschland. Zu Recht. Denn unter dem Strich kann die Meinungsmache im Netz durch Falschnachrichten und "Social Bots", also computergesteuerte Nutzerprofile bei Facebook oder Twitter , wahlentscheidend sein. Das wird eine Herausforderung werden für die Parteien im Wahlkampf . Aber nicht nur für die - auch für jeden Bürger. Denn immer noch gilt: Demokratie gibt es nicht frei Haus, nicht ohne Engagement und Einsatz. Sie verlangt jedem mündigen Bürger etwas ab. Wer sich also nur noch auf Facebook und bei Gleichgesinnten informiert, wer sich nur von Vorlieben oder Abneigungen leiten lässt, die die sozialen Netzwerke uns präsentieren, ohne zu erklären, wie diese Informationen entstanden sind und wie sie ausgewählt wurden, der wird den Blick auf andere Realitäten verlieren. Er nimmt nur noch das wahr, was die eigene Meinung bestätigt.

Dessen muss sich jeder viel bewusster werden. Das Wahljahr wird anstrengend, für Wähler und für die zu Wählenden, wenn sie verhindern wollen, dass die Demokratie womöglich Stück für Stück den Demokratiefeinden anheimfällt. Für die "klassischen Medien" ist das Herausforderung und Chance zugleich: Informationen sorgsam auswählen, Ereignisse und Gesagtes überprüfen und einordnen - da sind Journalisten deutlich im Vorteil gegenüber den Facebook-Algorithmen. Auch online.