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Die „Vertrumpisierung“ einer Nation

Die „Vertrumpisierung“ einer Nation

Sein Name sei Bill Brick. Und seine Vorfahren stammten aus Deutschland, sagt der Mann im feinen Anzug, der sich in der Mittagspause neben mich auf den Barstuhl eines Steakhauses setzt. Gesprächig ist Bill, und so erfahre ich schnell, dass er als Geologe für eine US-Ölgesellschaft arbeitet. Irgendwie kommen wir auch auf Tsunamis zu sprechen. Und da fließt es aus ihm heraus: Die Monsterwelle vor Japan, die einst auch das Atomkraftwerk Fukushima lecken ließ, sei von Menschenhand bewußt initiiert worden. Es habe, versichert er mir allen Ernstes, mit der Palästinenserpolitik mancher Staaten und einer Rache dafür zu tun. Auch der Amoklauf eines Neonazis in Skandinavien sei politisch gelenkt gewesen, die Drahtzieher säßen in Nahost. Man könne, so versichert der Bohrexperte, schließlich Beweise dafür auch im Internet finden.

Bürger wie Bill Brick sind, kommt man im Alltag in Amerika auf Politik zu sprechen, leider keine Rarität. Sie stehen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten und wohl auch Fantasien für das, was man unter dem Eindruck jüngster Entwicklungen als "Vertrumpisierung" bezeichnen könnte. Die Symptome für dieses gesellschaftliche Leiden zeigen sich wie folgt: Da ist einmal der Wille, jeder auch noch so irrsinnigen These ohne große Reflektion zu folgen. Und die Bereitschaft, Widersprüche und erfundene Fakten mit offenen Armen zu akzeptieren. Der Nährboden für dieses Phänomen wird unter anderem dadurch gebildet, dass sich ein großer Teil der US-Bürger von der Politik längst frustriert abgewandt hat, diese nicht mehr verfolgt, "die da in Washington " als Verbrecher kategorisiert hat und stattdessen Baseball-Ergebnisse und die neueste Dating-Schlagzeile aus dem Hause Kardashian als wichtig zwischen den Ohren abgespeichert hat.

Und dann profitieren die Weltmeister der Vereinfacher wie Donald Trump noch von der brutalen Trivialisierung der Argumentation. Je simpler die Sprache und je unkomplizierter, desto besser für die Außenwirkung. So werden aus Mexikanern "Mörder" und "Drogenhändler", so wird aus dem bisher für diesen Straftatbestand weder angeklagten noch verurteilten Bill Clinton schnell ein "Vergewaltiger", und Hillary leistete selbstverständlich Beihilfe. China, "das uns umbringt" (Trump), werde man es irgendwie heimzahlen. Und als größtes aller Ziele soll Amerika "wieder groß werden" - was immer diese Floskel auch heißen mag. Historiker dürften in einigen Jahrzehnten auf diese Wahlsaison als Periode zurückblicken, in der die durch das US-Schulsystem und die selektive Medien-Verwertung massiv geförderte kollektive Verdummung in ihrer vollen Schmerzhaftigkeit zutage trat - mit noch nicht absehbaren möglichen Langzeitfolgen.

Hillary Clintons Problem ist nun, diese Trump'sche Mauer des besserwisserischen Ignorantentums mit einer auf Fakten gestützten ruhigen Debatte zum Einsturz bringen zu müssen. Die Gefahr besteht jedoch, dass am Ende gilt: Wer am lautesten schreit und am besten simplifiziert, hat recht. Donald Trump besitzt, nimmt man die derzeitigen beunruhigenden Umfragen als Maßstab, zumindest für diesen Job die Qualifikation.