Die Stimme der Angst

Die Stimme der Angst heißt Pegida. So nennen sich die "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes". 15 000 Bürger sind am Montag in Dresden marschiert, mit Wut im Bauch gegen die Politik, die angeblich nichts dagegen tut, und gegen die Medien, die angeblich "Lügen" verbreiten.

Die Leute fühlen sich unverstanden und verunglimpft als "Rassisten" und "Krakeeler", die "rechten Rattenfängern" auf den Leim gingen und überhaupt eine "Schande für Deutschland" seien. Die Nazi-Keule, die gegen die selbst ernannten Retter des Abendlandes geschwungen wird, ist jedenfalls beachtlich.

Je nach Perspektive kann man erfreut, verblüfft oder betroffen zur Kenntnis nehmen, wie sich in Deutschland ein "Aufstand der Anständigen" gebildet hat, angeführt von Bundesregierung, Medien und christlichen Kirchen, der den "Islam-Hassern" von Dresden das Maul stopfen will. Die drastische Ausdrucksweise ist deshalb passend, weil in diesem Grundsatzkonflikt tatsächlich auch offiziell mit schwerem Säbel gefochten wird. So soll verhindert werden, dass von Sachsen ein Flächenbrand ausgeht, dessen Dämpfe das politische und gesellschaftliche Klima vergiften.

Nun ist schwerlich abzustreiten, dass die geäußerten Ängste und Befürchtungen eine gewisse Berechtigung haben - aber auf beiden Seiten. Es dient etwa der Konfliktlösung in keiner Weise, das Thema Islam zu tabuisieren, wenn im christlich geprägten Deutschland bereits 4,3 Millionen Muslime leben. Genau so wenig darf die Gefahr latenter Fremdenfeindlichkeit verschwiegen werden, die in Dresden klammheimlich mitläuft. Es ist gut und richtig, hier klar Stellung zu beziehen wie in Saarbrücken mit der "Vielfalt"-Demo für Toleranz. Doch bei aller Kritik an den braunen Initiatoren und rechten Mitläufern von "Pegida": Die politische Klasse sollte sich hüten, verunsicherten Menschen mit Arroganz und Ignoranz zu begegnen. Gewiss ist es ein Balance-Akt, den Bürgern von Dresden und anderswo das von ihnen als bedroht empfundene Heimatgefühl zu belassen - und zugleich dem elementaren Menschenrecht auf Asyl gerecht zu werden. Dieser hohe Anspruch wird aber verfehlt, wenn eine durchaus heterogene Gruppe von Demonstranten pauschal diffamiert wird.

Das Äußern der eigenen Meinung, auch der problematischen Meinung, gehört zum Kernbestand unserer Demokratie. Es war der große Aufklärer Voltaire , der den Satz prägte: "Ich teile Ihre Meinung nicht, aber ich würde mein Leben dafür einsetzen, dass Sie sie äußern dürfen". Die Angst vor "zu viel Fremden" und dem Scharia-Islam mag weit übertrieben sein. Sie generell als "Rassismus" abzuwerten, verhärtet die Gegensätze anstatt sie aufzuweichen.