Die präsidiale Wandlung

Die Zeiten, in denen Joachim Gauck seinen Mitreisenden noch mit kindlicher Begeisterung die präsidialen Manschettenknöpfe mit Bundesadler vorführte, sind lange vorbei. Am 18. März 2012 wurde er zum Bundespräsidenten gewählt, die Hälfte seiner fünfjährigen Amtszeit ist heute um.

In den zweieinhalb Jahren im Schloss Bellevue hat Gauck eine Wandlung durchlebt, durchleben müssen. Und das ist auch gut so. Denn Freiheitspapst zu sein, ein Mann der geschliffenen Worte, das konnte auf Dauer nicht genügen. Auch nicht der Umstand, dass Gauck dem Amt die Würde zurückgab, die durch den Skandal um seinen zurückgetretenen Vorgänger Christian Wulff zweifellos abhanden gekommen war.

Gaucks Reden wurden anfänglich registriert, aber nicht wirklich gehört. Dann versuchte er, sich politisch von Angela Merkel abzusetzen. Das war naiv, weil es nicht funktionieren konnte. Zumindest nicht mit Merkel als Regierungschefin, die ihn ja nie als Präsidenten wollte. So zerbrach wohl auch die Illusion des Mannes aus der DDR-Bürgerbewegung, in diesem Amt nicht nur Anstöße geben, sondern Politik mitgestalten zu können. Seitdem geht Gauck einen richtigeren Weg - weitgehend im Gleichklang mit der Regierungschefin. Der Versöhner hat seine Rolle gefunden. Er will Deutschland nicht aus der besonderen Verantwortung der Geschichte entlassen, die er ganz persönlich empfindet; die ihn bei seinen Reisen antreibt und die ihn emotional oft stark anfasst.

Sein Auftritt bei der Münchner Sicherheitskonferenz im Januar dieses Jahres markierte wohl das Ende der Gauck'schen Veränderung weg vom nachdenklichen und hin zum fordernden Präsidenten. Dort plädierte er für ein deutlich entschiedeneres Engagement der Bundesrepublik in der Welt - nicht nur militärisch, aber auch. Das war mutig. Und riskant. Denn es rief die Kritiker auf den Plan, die Deutschland aus historischen Gründen eben keine größere militärische Rolle zugestehen wollen. Bei seiner Rede auf der polnischen Westerplatte zum Beginn des zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 wurde Gauck noch deutlicher. Er ging hart mit Russland ins Gericht, sprach davon, wegen des Ukraine-Konflikts "Politik, Wirtschaft und Verteidigungsbereitschaft den neuen Umständen anpassen" zu wollen.

Vielen gefällt die neue Tonalität nicht - zu Recht. Nach zweieinhalb Jahren im Amt kennt Gauck seine Grenzen, die er nicht mehr überschreitet. Die er allerdings verbal manchmal arg dehnt. Das ist mitunter ein präsidialer Ritt auf der Rasierklinge. Gauck glaubt aber, dass ein Bundespräsident Ecken, Kanten, vor allem Positionen haben muss. Damit steht er nicht allein. Man muss zur Kenntnis nehmen: Die Mehrheit der Bundesbürger findet laut Umfragen seine Amtsführung gut. Und er selbst wohl auch.