Die Mär von der Volksaktie

Sie fühlen sich getäuscht. Und sind zutiefst enttäuscht, die gut 16000 Kleinanleger, die gegen die Telekom klagen. Eine beeindruckende Zahl. Sie könnte noch größer sein. Denn viele, die ihr mühsam Erspartes in Wertpapiere des Telekommunikations-Riesen gesteckt und großteils einbüßt haben, scheuen ein langwieriges Verfahren

Sie fühlen sich getäuscht. Und sind zutiefst enttäuscht, die gut 16000 Kleinanleger, die gegen die Telekom klagen. Eine beeindruckende Zahl. Sie könnte noch größer sein. Denn viele, die ihr mühsam Erspartes in Wertpapiere des Telekommunikations-Riesen gesteckt und großteils einbüßt haben, scheuen ein langwieriges Verfahren. Vor Gericht steht das Volk gegen das ehemalige Staatsunternehmen, und Gegenstand der Verhandlung ist die Volksaktie. Der Prozess kann zu einem Lehrstück werden, zum Drama über den Traum vom Glück, das Streben nach Reichtum und die Gier - auf Kosten anderer. "Wenn die Telekom an die Börse geht, geh' ich mit", warb Schauspieler Manfred Krug in Fernsehspots. Im Nu hatte das Papier den Nimbus einer Volksaktie, einer Anlage für jedermann, sicher und ertragreich. Glücklich wurde damit aber nur, wer auf dem Höhepunkt des Booms die Aktie bei über 100 Euro wieder abstieß. Diese Glückspilze haben ihr Vermögen versiebenfacht. Die vielen anderen, meist unerfahrenen Anleger, die den Versprechungen des Konzerns, den Prophezeiungen vom fortwährenden Börsen-Höhenflug vertrauten, haben teures Lehrgeld gezahlt, als das Kursfeuerwerk vorbei war und die Papiere ins Bodenlose stürzten. Diejenigen, die bei der Ausgabe neuer Telekom-Aktien im Jahr 2000 für mehr als 60 Euro pro Anteil kauften, besitzen heute gerade noch ein Sechstel ihres damals eingesetzten Vermögens. Dabei wollten sie nur mitgehen, als alle an die Börse gingen. Warum sollten nicht auch mal die kleinen Leute beim Spekulieren reich werden? Stattdessen mussten sie erfahren, dass es eine Volksaktie mit Gewinngarantie ebenso wenig gibt wie einen Goldesel.Die Folgen: Das Desaster der Volksaktie hat den Sparern Wertpapiere gründlich verleidet. Die Zahl der Aktionäre in Deutschland sinkt stetig. Wie immer der Prozess ausgeht, die Telekom hat der Aktien-Kultur einen Bärendienst erwiesen. Gerade weil das Unternehmen so stark um Anleger warb, die zuvor noch nie an der Börse gehandelt hatten, war es verantwortungslos, die Chancen groß und die Risiken klein zu reden. Moralisches Versagen ist aber nicht nur der Telekom vorzuwerfen. Angebote zu schönen und Risiken zu verstecken, war und ist typisch für die Börsenwelt. Wegen des fahrlässig provozierten Misstrauens ist nun den Sparern die Einsicht versperrt, dass Aktien und Fonds attraktive Anlageformen sind. Vorausgesetzt, man informiert sich über Wirtschafts- und Kursentwicklung und ist sich der Gefahren bewusst. Denn je höher das Gewinnversprechen, desto größer auch das Verlustrisiko.