Die Lehren aus dem Dieselgate

Der 20. September 2015 wird als historisches Datum in die Geschichte der deutschen Automobilindustrie eingehen. An diesem Tag änderte sich für den bis dahin erfolgsverwöhnten Volkswagen-Konzern alles, nachdem US-Umweltbehörden gemeldet hatten, dass es bei Abgas-Messungen von VW-Modellen nicht mit rechten Dingen zugegangen sei. In den Fokus gerieten vor allem die Diesel-Motore des Konzerns. "Dieselgate", der Name des Skandals war geboren. Die Nachricht von den manipulierten Messungen trat eine Lawine los, deren Ausmaß auch ein Jahr später noch immer nicht vermessen ist.

Und deren Schaden nur geschätzt werden kann. Analysten gehen davon aus, dass der gesamte Skandal den Volkswagen-Konzern 35 Milliarden Euro kosten wird. Das ist das Mehrfache eines Jahresgewinns. Die Welle der Klagen von Behörden, Händlern und Aktionären ebbt nicht ab. Hinzu kommen teure Rückruf- und Umrüstungs-Aktionen. Offen ist zudem noch, wer bei VW alles von den Manipulationen gewusst hat. Hier muss noch einiges aufgearbeitet werden. Solange das nicht passiert ist, steht der ganze Konzern am Pranger.

Doch auch die dunkelste Stunde hat nur 60 Minuten. VW hat inzwischen die Schockstarre überwunden, in Wolfsburg richtet sich der Blick nach vorn. Der neue Konzernchef Matthias Müller hat die alten Strukturen aufgebrochen und will, dass sich Volkswagen neu erfindet. Autonomes Fahren oder die Elektromobilität sind Themen, denen sich der Konzern verstärkt zuwenden will. Müller weiß aber auch, dass man hierbei das Kind nicht mit dem Bade ausschütten darf, indem er darauf hinweist, dass der klassische Verbrennungsmotor noch viele Jahre die automobile Welt prägen wird.

Denn der Markt tickt anders, als es mancher ökologisch angehauchte Zukunftsforscher und seine Jünger wahrhaben wollen. Dazu genügt ein Blick auf die Zulassungszahlen des Kraftfahrtbundesamtes. Trotz Dieselgate steigt die Zahl der Selbstzünder. Auch die großen, straßentauglichen Geländewagen (SUV) werden den Autobauern aus den Händen gerissen. Hybrid- und Elektroautos fristen hingegen ein Nischendasein. Offenbar ist es vielen Autofahrern egal, was hinten aus dem Auspuff kommt, Hauptsache das Auto beschleunigt ordentlich. Niemand will mit einer Nuckelpinne unterwegs sein.

Auf der anderen Seite werden die Umweltauflagen immer strenger. Diesen Zielkonflikt müssen alle Autobauer aushalten. Mehr Abgas-Reinigung geht zu Lasten der Leistung und des Geldbeutels, und das E-Auto ist als massentaugliches Alltagsgefährt noch lange eine Illusion. Doch diese Diskussion muss ehrlich geführt und nicht mit manipulierten Messmethoden vertuscht werden. Zumindest dies hat uns der VW-Skandal gelehrt.