Die Intrige der "Aufrechten"

Ganz gleich, wie man den Polit-Krimi um Aufstieg und Fall der SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti im vergangenen Jahr bewertet: Das konspirative Verhalten von drei der vier "Abweichler" war offenbar um keinen Deut besser

Ganz gleich, wie man den Polit-Krimi um Aufstieg und Fall der SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti im vergangenen Jahr bewertet: Das konspirative Verhalten von drei der vier "Abweichler" war offenbar um keinen Deut besser. Die angeblich so ehrenwerten Motive der Genossen, die den Durchmarsch Ypsilantis und damit den Machtwechsel in Hessen verhindert haben, erscheinen plötzlich in einem anderen Licht. Autor Volker Zastrow, der die Geschichte der Abweichler recherchiert hat, spricht gar von einer "Intrige". Der Fall ist auch deshalb so spektakulär, weil er ein Lehrbeispiel ist für zynisches Machtstreben, das die Moral hintan stellt und sich vor allem an (persönlichen) Interessen orientiert. Die SPD-Frontfrau Ypsilanti zelebrierte in seltener Unverfrorenheit den klassischen politischen Wortbruch, als sie nach der Hessenwahl im Januar 2008 genau das ankündigte, was sie zuvor kategorisch ausgeschlossen hatte: die Kooperation mit der Linkspartei. Der Rivale Jürgen Walter wiederum kann nach neuen Erkenntnissen als sozialdemokratischer Brutus gelten, der von verdruckstem Ehrgeiz und verletzter Eitelkeit getrieben die Dramaturgie des Scheiterns bestimmte, Ypsilanti mit seinen Gesinnungsgenossinnen meuchelte und damit die gesamte (Hessen-)SPD ins Chaos stürzte. Die Tatsache, dass die Abweichler den schmählichen Wortbruch letztlich verhindert haben, legitimiert dieses Handeln indes nicht. Im Gegenteil: Auch Walter und seine Mitstreiterinnen Everts und Tesch haben in der Konsequenz ihres Handelns Klischees bedient, die dem ohnehin schlechten Image der Politik fortwährend neue Nahrung geben. Grundüberzeugungen und Sachfragen spielten offenkundig eine untergeordnete Rolle, sie waren vorgeschoben, um die wahren Absichten zu verschleiern. Die Vorstellung, dass womöglich schon die Zuteilung des Wirtschaftsministeriums an Walter die Verschwörung gestoppt hätte, lässt einen schaudern. So primitiv ist Politik? Viele Meinungsbildner und Medien glorifizierten nach diesem denkwürdigen November 2008 "die vier Aufrechten" für ihren Mut, noch "rechtzeitig" einen Tag vor Ypsilantis geplanter Wahl zur Ministerpräsidentin ihr "Gewissen" entdeckt zu haben. Jene Lobeshymnen erscheinen nun fahl und falsch. Sollten die Rebellen tatsächlich erwogen haben, eine neue Partei zu gründen, spätestens jetzt können sie ihr Vorhaben getrost begraben: Wenn nur die Hälfte dessen stimmt, was Zastrow in seinem Buch beschreibt, haben sie ihren ohnehin fragwürdigen Anspruch auf Glaubwürdigkeit endgültig verloren.