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Die erste Muslima an der Spitze eines Landtages

Die erste Muslima an der Spitze eines Landtages

Muhterem Aras ist kaum viel mehr als 160 Meter groß, doch sie macht sich nicht klein. Ihre Selbstbeschreibung trifft es ganz gut: durchsetzungsfähig, beharrlich, souverän. Das war nicht immer so. 2011, als sie in Stuttgarts Mitte erstmals Stimmenkönigin der Grünen wurde und das Direktmandat holte, fehlte ihr noch die Routine. Im Untersuchungsausschuss zum EnBW-Deal ist vielen noch eine Szene erinnerlich, als Aras weitschweifend ausholte, um aus dem Zeugen Stefan Mappus Details zu kitzeln. Irgendwann legte Mappus ein breites Grinsen auf: "Wie war nochmal die Frage?" Solches passiert nicht mehr.

Muhterem Aras ist gewappnet. Vor fünf Jahren hatte die zweifache Mutter vergeblich gegen ihre Kollegin Brigitte Lösch um den Posten als Vizepräsidentin kandidiert - sie unterlag. Im zweiten Anlauf klappte es für die 50-Jährige, die seit Jahren eine Steuerkanzlei betreibt, nun ganz nach oben. Am meisten habe sie beeindruckt, dass Aras einst 60 000 Mark Kredit aufgenommen habe, um studieren zu können, sagt Gisela Erler, die Stuttgarter Staatsrätin für Zivilgesellschaft.

Geboren wurde Aras in der Nähe von Bingöl in der Türkei. Es ist Anatolien, Kurdengebiet, doch sie thematisiert dies nicht, will nicht von der möglicherweise falschen Seite vereinnahmt werden. Sie ist nicht nur längst angekommen in der deutschen Gesellschaft, sie lebt deren Freiheiten. Auch als Muslima. Aras zeigt prototypisch auf, wie es ist, wenn Integration gelingt. Und das will sie nun auch in ihrem neuen Amt thematisieren. Sie will stehen für das offene, bunte, tolerante und integrative Deutschland. Gerade weil die mit rassistischen und islamfeindlichen Ressentiments wenig zimperliche AfD nun im Landtag sitzt. Gerade weil es sogar die CDU im Wahlkampf nicht lassen konnte, mit Plakaten wie "Kretschmann wählen, Özdemir bekommen" die rechte Karte zu spielen. "Ich bin stolz auf meine Partei und meine Fraktion", adressiert Aras deshalb ihren Dank. Mit dieser Nominierung hätten ihre Grünen die "beste Antwort darauf gegeben, ob der Islam zu Deutschland gehört".

Fürs erste Statement vor Journalisten hatte sie sich etwas zurechtgelegt: Transparenz wolle sie ins Hohe Haus bringen, Ausschüsse sollen öffentlich tagen. Nur so als Idee. Doch die langjährige Politikerin weiß, dass sie selbst die prominenteste Botschaft sein wird: Frau und Muslima. Sie fühlt sich nicht missbraucht durch solche Signalgebung. Im Gegenteil. Sie pocht darauf, die Weltoffenheit des neuen Baden-Württemberg mit ihrer Person abzubilden und ein Zeichen für Toleranz und das Gelingen von Integration auszusenden. "Ich werde mit der AfD sehr korrekt nach der Geschäftsordnung des Landtags umgehen", kündigt die neue Präsidentin an, die sich in ihren ersten Amtshandlungen nicht scheut, ihrer dunklen, etwas brüchigen Stimme durch die schwere Sitzungsglocke Gehör zu verschaffen. Aras wurde mit 96 von 143 Stimmen gewählt. Die AfD-Fraktion blieb - wie manche vornehmlich aus der CDU - nach der Wahl sitzen.