Die Besserwisser

Es ist so eine Sache mit den "elder statesmen". Sie sind in der Regel hoch angesehen, haben eine gewisse Lebensleistung vorzuweisen und melden sich gern zu Wort, um "dem Volk" die Welt zu erklären. Dahinter steht nicht selten der elitäre Anspruch, es besser zu wissen als der einfache Bürger

Es ist so eine Sache mit den "elder statesmen". Sie sind in der Regel hoch angesehen, haben eine gewisse Lebensleistung vorzuweisen und melden sich gern zu Wort, um "dem Volk" die Welt zu erklären. Dahinter steht nicht selten der elitäre Anspruch, es besser zu wissen als der einfache Bürger. Zu den prominenten Besserwissern gehören Alt-Kanzler Helmut Schmidt, Ex-Wirtschaftsminister Wolfgang Clement und Alt-Bundespräsident Roman Herzog. Der ehemalige Verfassungsrichter zeichnet sich dabei als besonders eifriger Levitenleser aus. Die Thesen, Vorwürfe und Beleidigungen, mit denen Herzog jetzt Schlagzeilen macht, mögen durchaus eine gewisse Berechtigung haben. In ihrer pauschalen Art sind sie jedoch nicht zielführend, sondern eher kontraproduktiv. Denn Herzog kommt nicht mit der Kraft des überzeugenden Wortes, er kommt mit dem verbalen Vorschlaghammer. Was er offenbar nicht bedacht hat: Er zertrümmert damit seinen eigenen Ruf. Bislang war der Ex-Präsident, der auch als Staatssekretär und Landesminister politisch aktiv war, eher als väterlich-gutmütiger Ratgeber aufgefallen. Als einer, dem das Gemeinwohl am Herzen lag, der an die Vernunft appellierte. Großen Eindruck machte er damit genau so wenig wie mit der "Kopfpauschale" im Gesundheitswesen, die er leidenschaftlich fordert. Auch aus seiner Zeit als Bundespräsident ist lediglich die berühmte "Ruck-Rede" in Erinnerung geblieben, die man ihm aufgeschrieben hatte - und die ebenso verpuffte, wie nun auch sein neuerlicher Weckruf verpuffen wird. Denn Herzog ist, so integer er sonst sein mag, nicht mehr hinreichend glaubwürdig. Jemand, der für gerade mal fünf Jahre Präsidentschaft lebenslang das volle Präsidenten-Gehalt kassiert (plus Büro, Sekretärin und Auto), hat gut reden. Mit welcher Berechtigung verlangt er von einfachen Bürgern und Rentnern, die am Existenzminimum kratzen, "Reformbereitschaft" - also Verzicht? Hinter Herzogs Philippika lauert der arrogante Charme der Bourgeoisie: Das Volk ist dumm und faul, es ist mutlos und will sich nicht bewegen. Fast möchte man meinen, die undankbaren Bürger hätten solch einen Präsidenten gar nicht verdient gehabt. Professor Herzog, der überall "Dilettantismus" entdeckt, bei der aktuellen Politikergarde "echtes Charisma" vermisst und nicht weiß, ob er darüber "lachen oder weinen" soll, hat seine populistischen Thesen ausgerechnet in der "Bild"-Zeitung veröffentlicht. Rein zufällig kommt morgen sein neues Buch auf den Markt, vollgepackt mit wohlfeilen Ratschlägen. Da weiß man wirklich nicht mehr, ob man lachen oder weinen soll.