Deutscher Stahl, weichgekocht

Es ist wie ein Déjà-vu aus längst vergangener Zeit. Über Europas Stahlindustrie ziehen dunkle Wolken auf - so düster wie seit mehr als 20 Jahren nicht mehr. Es herrscht Alarmstimmung - nicht nur in den saarländischen Werken in Dillingen, Völklingen und Bous.

Gestern demonstrierten in Brüssel tausende Stahlarbeiter und Unternehmensvertreter Seit' an Seit'. Wirtschaftsminister aus sieben EU-Staaten und vier deutschen Ländern schrieben Brandbriefe an die Kommission.

Die europäische Stahlindustrie fühlt sich von zwei Seiten in die Zange genommen. Zum einen sind es die Exporte von hochsubventioniertem und damit billigem Stahl - vornehmlich aus China -, die die Preise in den Keller treiben und den europäischen Hütten heftig zusetzen. Zum anderen sind es die hohen Energiekosten, vor allem in Deutschland, sowie die ehrgeizigen Klimaziele der EU-Kommission, die die Anzahl der Emissionszertifikate verknappen und damit deren Preise in die Höhe treiben will. Und das, obwohl viele Hütten ihren Ausstoß an Kohlendioxid (CO{-2}) kaum noch verringern können, weil sie die technisch-physikalischen Grenzen des Produktionsprozesses schon erreicht haben. Zusätzliche Kosten für den Schadstoffausstoß kämen daher einer Strafsteuer gleich.

Das allein reicht normalerweise schon aus, um bei den Stahlkochern die Krise auszurufen. Doch der Importdruck aus Fernost ist inzwischen so gewaltig, dass pure Panik herrscht. Mittlerweile exportiert China pro Jahr rund 115 Millionen Tonnen Rohstahl - bei einer Gesamtproduktion von 803 Millionen Tonnen. Dagegen ist die EU mit einer Jahresfertigung von 166 Millionen Tonnen ein eher kleines Licht, Deutschland mit knapp 43 Millionen Tonnen Rohstahl mengenmäßig marginal. Doch es geht nicht allein um die Tonnage und die knapp 100 000 Menschen, die noch in deutschen Stahlwerken arbeiten. Die Verzahnung dieses Industriezweigs mit anderen Branchen wie dem Maschinenbau, der Fahrzeugproduktion, der Elektrotechnik oder der Chemie ist sehr eng. Die Hütten produzieren jene Stahlsorten, die von der Industrie benötigt werden, um die Qualitätsnormen sicherzustellen, die einen Teil von "Made in Germany" ausmachen. Solche Stähle lassen sich weltweit nicht so einfach zusammenkaufen.

Daher müssen wir höllisch aufpassen, dass die Stahlindustrie nicht plattgemacht wird. Gegen die Importe aus China werden erste Antidumping-Wälle hochgezogen. Das ist gut so und das Einzige, was auf die Schnelle hilft. Bei ihrer Klimapolitik sollte die EU die Kirche im Dorf lassen. Wer durch sie die heimische Stahlindustrie in die Knie zwingt, spart kein einziges Gramm CO{-2} ein. Der Klimakiller wird nur anderswo in die Luft gepustet.