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Der Weg der Kirche in die Wirklichkeit ist geebnet

Der Weg der Kirche in die Wirklichkeit ist geebnet

Rom. Die katholische Kirche und das, was ihre Bischöfe zu Ehe, Familie und Sexualität zu sagen haben, ist nicht Jedermanns Sache. Bei diesen Themen zieht sich die Kirche normalerweise das Kopfschütteln der säkularisierten Gesellschaft zu.

Nach ihrer strengen, auf dem Naturrecht basierenden Lehre ist allein die Verbindung von Mann und Frau gültig. Homosexuelle werden nach der Doktrin als "objektiv ungeordnet" diskriminiert. Scheidungen auf katholisch gibt es nicht, denn "was Gott verbunden hat, das soll der Mensch nicht trennen", wie es im Matthäus-Evangelium heißt. Die menschliche Sexualität erfülle ihren Zweck allein in der Fortpflanzung, Lustgewinn ist verboten. Deshalb lebt, wer Pille oder Kondome benutzt, in "Sünde".

Diese Haltung ist einer der Gründe, warum die Kirche in der modernen, pluralistischen Gesellschaft immer mehr Kredit verspielt hat. Sie verkörpert die Werte uralter Zeiten. Nicht nur Kirchenkritiker halten die mit absolutem Anspruch vorgebrachte moralische Strenge für Fehl am Platz. Auch die meisten Gläubigen empfinden sie als weltfremd.

Was sich in diesen Tagen bei der Sondersynode im Vatikan zuträgt, ist deshalb eine kleine Sensation. Knapp 200 Bischöfe sind dort seit einer Woche auf Geheiß von Papst Franziskus versammelt, um über Ehe, Familie und Sexualität zu diskutieren. Bereits mit der Themenstellung hat Franziskus der Diskussion die Richtung vorgegeben. Es geht um die "pastoralen Herausforderungen" der Familie, also um die Wirklichkeit, an der sich die aus dem Evangelium abgeleiteten moralischen Vorgaben messen lassen müssen. Der Papst will, dass seine Kirche über das wirkliche Leben diskutiert. Genau dies geschieht nun im Vatikan . Für Rom ist das eine Wende um 180 Grad.

Das bedeutet freilich nicht, dass im Vatikan nun die Doktrin über den Haufen geworfen wird. Der Umsturz trägt sich vielmehr leise zu. Er beginnt zunächst bei der Sprache. Eine der am deutlichsten in der Synode vorgebrachten Forderungen ist die, die Kirche möge ihre Wortwahl ändern. Sie solle mehr zuhören als mahnen, integrieren statt ausschließen. Das ist der Weg in eine andere, offenere und gesellschaftlich relevantere Kirche. Es ist eine Kirche, vor der die katholischen Puristen so große Angst haben.

Für die Seelsorge könnte es bald konkrete Folgen haben, wenn sich das bei der Synode wiederholt vorgetragene Konzept der "Gradualität" durchsetzt. Danach muss sich die Kirche nicht von ihrem hohen Ideal, etwa der lebenslangen Ehe zwischen Mann und Frau verabschieden. Aber sie kann, wenn sie sich dieses Modell zu eigen macht, auch positive Elemente in anderen, von ihrem Ideal weiter entfernten Formen anerkennen. Etwa in nichtehelichen Lebensgemeinschaften oder auch in homosexuellen Partnerschaften. Das wäre die Anerkennung der Realität.

Die Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion ist das Schlüsselproblem der Synode. Doch selbst wenn die Bischöfe hier bis Ende der Woche zu keinem definitiven Ergebnis gelangen: Die Weichen sind gestellt. Franziskus weiß, dass das 2000 Jahre alte Kirchenschiff nur in Zeitlupe seinen Kurs ändert. Deshalb hat der Papst den Diskussionsprozess auf Jahre hin angelegt. Im kommenden Jahr findet im Vatikan eine zweite, ordentliche Synode zum selben Thema statt. Der Weg der katholischen Kirche in die Wirklichkeit ist damit geebnet.