Der türkische Albtraum

Es herrscht Endzeitstimmung in der Türkei. Die Serie tödlicher Anschläge islamistischer und kurdischer Extremisten reißt nicht ab, nationalistische Lynchmobs machen Jagd auf angebliche Vaterlandsfeinde. Die Lira ist im freien Fall. Welch ein krasser Unterschied zu dem selbstbewussten, international attraktiven Land der vergangenen Jahre: Da boomte die türkische Wirtschaft, während in den touristischen Hochburgen ein Besucher-Rekord den anderen ablöste. Heute bleiben die Gäste aus, weil Anhänger des Islamischen Staates ihre blutige Spur im Land hinterlassen.

Der sonst so ansteckende Optimismus vieler Türken weicht zusehends der Verzweiflung. Sie wähnen sich in einem Albtraum. Die schweren Anschläge vom Dezember mit Dutzenden Toten und die tödlichen Schüsse auf Russlands Botschafter in Ankara waren noch nicht verarbeitet, als das Massaker im Istanbuler Nachtclub "Reina" die Nation erschütterte. Vier Tage später folgte der extremistische Angriff auf das Justizgebäude in Izmir. Niemand erwartet, dass die Gewalt nun plötzlich endet. Die türkischen Behörden wirken hilflos: Trotz des Ausnahmezustands, der jetzt um drei Monate verlängert wurde, können sie die Attacken nicht verhindern.

Während demokratische Rechte eingeschränkt bleiben, verroht die politische Kultur weiter. So griffen aufgebrachte Rechtsnationalisten den türkischen Modeschöpfer Barbaros Sansal an, als er in Istanbul aus dem Flugzeug stieg: Er war zum Ziel einer Medienkampagne geworden, weil er angesichts der politischen Entwicklungen der Türkei gewünscht hatte, sie möge in ihrem Kot ersticken. Sansal landete wegen des Verdachts auf Volksverhetzung in Untersuchungshaft, den Schlägern wurde kein Haar gekrümmt.

Selbst der wirtschaftliche Aufschwung des Landes, für viele Türken der größte Erfolg von Präsident Erdogans Politik, erleidet ernsthafte Dämpfer. Die Inflation steigt. Die Lira verlor allein im letzten halben Jahr ein Viertel ihres Werts gegenüber dem Dollar - eine gefährliche Entwicklung für ein Land, das alle Rohstoffe zur Energiegewinnung importieren und in Dollar bezahlen muss. Wie unsicher die Energieversorgung inzwischen geworden ist, bekommen die Türken immer häufiger durch längere Stromausfälle zu spüren.

Eine Entspannung der Lage ist nicht in Sicht, im Gegenteil. Recep Tayyip Erdogan will per Volksabstimmung ein Präsidialsystem einführen. Die Parlamentsdebatte über seine Reformpläne begann gestern, der Wahlkampf vor dem Referendum im Frühsommer dürfte heftig werden. Zudem kündigte der Präsident jetzt eine Ausweitung der türkischen Militär-Intervention in Syrien an. In der Türkei gibt es derzeit nur wenig Hoffnung auf eine baldige Rückkehr zur Normalität.