Der Steiger geht. Glückauf!

Das neue Jahr kommt, der Steiger geht. 2012 wird für das Saarland ein historisches Jahr werden, denn es endet eine Epoche, die das kleine Land im Herzen Europas wirtschaftlich, politisch und kulturell geprägt hat wie sonst nichts: Nach mehr als 250 Jahren wird das phantastische Kapitel des Steinkohlenbergbaus an der Saar geschlossen. Endgültig und unwiderruflich

Das neue Jahr kommt, der Steiger geht. 2012 wird für das Saarland ein historisches Jahr werden, denn es endet eine Epoche, die das kleine Land im Herzen Europas wirtschaftlich, politisch und kulturell geprägt hat wie sonst nichts: Nach mehr als 250 Jahren wird das phantastische Kapitel des Steinkohlenbergbaus an der Saar geschlossen. Endgültig und unwiderruflich.Das Datum der letzten Schicht am 30. Juni 2012 auf der Grube Ensdorf stellt eine Zeitenwende dar. Die jüngere Generation wird kaum nachvollziehen können, welch immense Bedeutung der Bergbau für das Leben der Menschen im Saarland hatte. Die Älteren werden schlicht traurig sein. Über Jahrhunderte hinweg war das "schwarze Gold" die wichtigste Wirtschaftsbranche, um Kohle und Gruben drehte sich alles. Sie standen für Kraft und Energie, für Wohlstand und Wärme, sie waren der Orientierungspunkt des Lebens. Tatsächlich hat der fossile Energiespender die industrielle Revolution erst möglich gemacht, ohne dieses entflammbare Gestein hätte es keine Eisen- und Stahlwerke gegeben, hätte sich die Welt deutlich langsamer gedreht.

Jenseits der makroökonomischen und politischen Bedeutung spielte auch die soziale Komponente der Kohle stets eine herausragende Rolle. Hunderttausende Bergleute im Saarland haben ihre Familien ernährt mit der knochenharten Maloche untertage, sie haben ihr Leben aufs Spiel gesetzt im fahlen Licht der Grubenlampe, etliche sind krank geworden, an Staublunge gestorben oder wurden Opfer von verheerenden Grubenunglücken wie dem in Luisenthal, das sich im Februar zum 50. Mal jährt.

Schließlich hat die Kohle eine Kultur geschaffen, die bis heute nachwirkt. Sie hat den Katholizismus im Saarland geprägt (und umgekehrt), sie hat das saarländische Vereinswesen mitbegründet, die Gewerkschaftsbewegung beeinflusst, Architektur und Infrastruktur, Essen und Trinken. Auch politisch ist die Bedeutung der Kohle nicht hoch genug einzuschätzen: Über ganze Dekaden hinweg galten die Saar-Gruben als Zankapfel der Nationen, mal herrschten die Franzosen über die "Mines Domaniales Françaises de la Sarre", mal die Deutschen. Es war jene Schwerindustrie aus Kohle, Eisen und Stahl, aus der eine einmalige politische Rose entspringen sollte, die im jahrtausendelang verfeindeten Europa eine neue Zeit einleitete. Der große Europäer Robert Schuman, ein Kind der Großregion Saar-Lor-Lux, hatte die Idee zur "Montanunion", aus der erst die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), dann die Europäische Gemeinschaft (EG), schließlich die Europäische Union (EU) erwuchs. Eine geografische, politische und wirtschaftliche Einheit, die eine nachhaltige Ära des Friedens und des Wohlstands begründete. Es ist nicht übertrieben: Die Kohle hat maßgeblich dazu beigetragen, unser heutiges Europa zu schaffen.

Dabei darf und soll durchaus nicht vergessen werden: Die Steinkohle hat nicht nur Glück und ökonomischen Erfolg gebracht, sondern auch Kummer und Leid. Das halbe Saarland ist durchlöchert mit Stollen, Strecken und Gräben, in denen die natürlichen Gesetze der Physik wirk(t)en. Es waren auch die Grubenbeben und die Proteste der Betroffenen, die das Ende des Bergbaus beschleunigten. Allerdings hatte der langsame Tod der Kohle schon viel früher begonnen. Auch wenn sich politisch relevante Kräfte lange dagegen stemmten: Als die Milliarden-Subventionen immer fragwürdiger, die Importe billiger und die CO2-Problematik drängender wurden, war das Ende der deutschen Steinkohle praktisch besiegelt. Die Demonstrationen der Kumpel und Bergleute in den 90er Jahren gerieten zum dramatischen Ausdruck eines letzten Aufbäumens gegen das Unabänderliche.

Nun also ist Schluss, auch wenn viele das noch nicht wahrhaben wollen. Sollte sich jemand am Tag des Abschieds am 30. Juni dabei erwischen, dass die Augen feucht werden, dann braucht er sich deshalb nicht zu schämen. Es ist ja nicht nur Schicht im Schacht, es ist Schicht für eine ganze Epoche, die das Saarland zu dem gemacht hat, was es heute ist: ein liebenswürdiges Bundesland im Herzen Europas, das stolz sein kann auf seine reiche Bergbau-Tradition.

Der Steiger geht. Glückauf!

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