Der rätselhalfte Kandidat

Meinung · Der Krönungsparteitag der US-Republikaner in Tampa, dessen Start wegen eines Tropensturms auf morgen verschoben wurde, bietet Mitt Romney die vielleicht beste Chance, seiner bisher wenig überzeugenden Präsidenschafts-Kandidatur Rückenwind zu verleihen

Der Krönungsparteitag der US-Republikaner in Tampa, dessen Start wegen eines Tropensturms auf morgen verschoben wurde, bietet Mitt Romney die vielleicht beste Chance, seiner bisher wenig überzeugenden Präsidenschafts-Kandidatur Rückenwind zu verleihen. Anders als bei den oft unberechenbaren Parteitagen in Europa sind die "Conventions" in den USA durchkomponierte Gesamtkunstwerke, die wenig dem Zufall und der Kontroverse überlassen. Stattdessen handelt es sich um ein "Infomercial" aus Reden, biographischen Filmpräsentationen und patriotischen Einlagen. Die spannende Frage bleibt, ob Romney diese Tage der Medienaufmerksamkeit nutzen kann, den Amerikanern plausibel zu machen, warum sie ausgerechnet ihn ins Weiße Haus schicken sollen.Bisher hat es der Kandidat versäumt, überzeugend darzulegen, wofür ein Präsident Romney stünde. Für den realitätsentrückten Radikalismus der Tea-Party und christlichen Fundamentalisten oder für die eher pragmatische Politik der Mitte, die er als Gouverneur in Massachusetts verfolgte. Während der Vorwahlen biederte sich Romney auf der Rechten mit Positionen an, die in offenem Gegensatz zu seiner früheren Politik stehen. In bestimmtem Umfang tun das alle Politiker. Doch dem Retter der Winterspiele von Salt Lake City stünde in dieser Disziplin gewiss olympisches Gold zu. Leichtes Spiel dürfte Romney haben, Amtsinhaber Barack Obama als Versager zu brandmarken. Darin stimmen die Republikaner überein. Mehr anstrengen muss sich der Kandidat, eine überzeugende Alternative zum Amtsinhaber vorzustellen. In Romneys 59-Punkte-Programm wimmelt es nur so an Ungereimtheiten. Wie etwa sollen Defizite und Schuldenberg abgebaut werden, wenn der Kandidat neue Steuergeschenke verteilen will, die nirgendwo gegenfinanziert sind? Oder sein Versprechen, den Staat zu schrumpfen. Wie soll das gehen, wenn Romney den Rüstungshaushalt weiter aufblähen will?

Am schwersen dürfte es dem republikanischen Kandidaten aber fallen, zu erklären, was ihn im Innersten motiviert, ins Weiße Haus zu ziehen. Trotz monatelanger Wahlkampf-Berichterstattung bleibt seine Person den meisten Amerikanern ein Rätsel. Sie wissen über Romney wohl nicht viel mehr, als dass er ein cleverer Unternehmer war. Team Obama tat sein Bestes, diese vermeintliche Stärke in einen Makel zu verwandeln. Kein Kandidat vor ihm trat mit so niedrigen Beliebtheitswerten vor einen Wahlparteitag der jüngeren Zeit. Deshalb steht für Romney viel auf dem Spiel, wenn er am Donnerstag seine Kandidaten-Rede vor den Delegierten und rund 35 Millionen TV-Zuschauern hält. Er muss diese Gelegenheit nutzen, wenn er im November gewinnen will.

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