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Der neue Star am Brüsseler Polit-Himmel

Der neue Star am Brüsseler Polit-Himmel

Wenn Jean-Claude Juncker in seiner Eigenschaft als designierter EU-Kommissionspräsident am kommenden Dienstag oder Mittwoch seine Mannschaft vorstellt, wird es vor "Super-Kommissaren" nur so wimmeln. Doch der bisherige niederländische Außenminister Frans Timmermans kann sich sicher sein, dass die Bezeichnung auf ihn zutrifft.

Denn der 55-Jährige wird in Brüssel nicht nur neuer Kommissar für Wirtschaft und damit Gegenspieler des umstrittenen französischen Kollegen Pierre Moscovici als Währungshüter . Er soll zugleich zum Stellvertreter Junckers aufsteigen.

Inoffiziell ist sogar von einem "Führungs-Tandem" die Rede. Zudem will der Luxemburger seinem niederländischen Kollegen offenbar die Kompetenzen für den gesamten Beamtenapparat übertragen. Timmermans, so hieß es am Freitag, solle eine Reform einleiten, die mit den Vorurteilen einer überbesetzten Behörde voller zu hoch bezahlter Beschäftigter aufräumt.

Der Sozialdemokrat und verheiratete Vater von vier Kindern gehört zu den bekanntesten Persönlichkeiten der niederländischen Politik. Er stammt aus dem grenznahen Maastricht , wo er als Sohn einer römisch-katholisch geprägten Familie aufwuchs. An der Radboud-Universität in Nijmegen studierte er Französische Literatur , ehe er an die Hochschule in Nancy wechselte. Nach dem Abschluss seiner akademischen Laufbahn war Timmermans zunächst als Gastdozent im Institut Clingendael tätig. EU-Erfahrungen konnte er gleich mehrfach sammeln. Zunächst 1994 und 1995 als Mitarbeiter von Kommissar Hans van den Broek, später als Europaminister seiner Heimat. Der überaus polyglotte Politiker, der der Partij van de Arbeid (PvdA) angehört, beherrscht neben seiner Muttersprache fließend Deutsch, Englisch, Französisch, Russisch und Italienisch - ein unverzichtbares Kapital auf der Brüsseler Bühne.

Dabei war Timmermans nicht einmal die erste Wahl für die Regierungskoalition von Ministerpräsident Mark Rutte . Der hatte offenbar zunächst geplant, seinen bisherigen Finanzminister und Euro-Gruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem nach Brüssel zu entsenden. Aber auch Rutte musste am Ende einsehen, dass eine gedeihliche Zusammenarbeit zwischen Dijsselbloem und Juncker wohl kaum zustandekommen werde. Anfang dieses Jahres hatte der Niederländer in einer Fernsehshow über seinen Vorgänger an der Spitze der Währungsunion geplaudert und ihn dabei als "verstockten Raucher und Trinker" bezeichnet.

Timmermans gilt dagegen als Vertrauter Junckers und auch die Bundesregierung dürfte mit dem neuen Star am Brüsseler Himmel sehr einverstanden sein. Trotz der unterschiedlichen Parteienfamilien, denen Bundeskanzlerin Angela Merkel und er angehören, schätze man sich "sehr", hieß es am Freitag in Berlin. Bevor der neue Kommissar aber seinen Job mutmaßlich am 1. November antreten kann, muss er noch eine Hürde nehmen. Denn die 27 Bewerber für einen Job in der Kommission werden zunächst vom Europäischen Parlament geprüft. Mit der endgültigen Wahl derjenigen, die die Unterstützung der Volksvertreter gefunden haben, wird Mitte Oktober gerechnet.