Der naive Kandidat

Manche Medien haben sich zu einem Organismus entwickelt, der ständig scharfes Futter braucht, um überleben zu können. Wenn die News-Kost zu fade ist, muss deshalb nachgewürzt werden. Im politischen Parcours bekommt das gegenwärtig insbesondere der SPD-Kanzlerkandidat zu spüren

Manche Medien haben sich zu einem Organismus entwickelt, der ständig scharfes Futter braucht, um überleben zu können. Wenn die News-Kost zu fade ist, muss deshalb nachgewürzt werden. Im politischen Parcours bekommt das gegenwärtig insbesondere der SPD-Kanzlerkandidat zu spüren.Seit seiner Nominierung dominiert Peer Steinbrück die Schlagzeilen - allerdings nicht mit politischen Inhalten, sondern mit seinem, sagen wir: bemerkenswerten Verhältnis zum Geld. Das Malheur hat er sich einerseits selbst zuzuschreiben, denn als Polit-Profi müsste er wissen, was ein falscher Zungenschlag in den Medien anrichten kann. Zum anderen sollten sich aber auch manche Medien hinterfragen, warum sie sich von interessierter Seite instrumentalisieren lassen und schlichte Wahrheiten als skandalträchtige Aussagen qualifizieren.

Wenn Steinbrück nicht aufpasst, könnte es ihm ergehen wie weiland Guido Westerwelle, der seinen grandiosen Abstieg mit dem Satz beschleunigte: "Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein." Sachlich war und ist der Satz richtig. Politisch aber wurde er zur Steilvorlage für die Gegner des damaligen FDP-Chefs, die den Ball mit hämischer Genugtuung verwandelten. Steinbrück droht nun das Schicksal, dauerhaft mit seinem Verhältnis zum Geld konfrontiert zu werden. Die freimütige Aussage, angesichts seiner Verantwortung verdiene ein deutscher Kanzler im Vergleich zu einem Sparkassendirektor zu wenig, wird kein vernunftbegabter Bürger beanstanden. Dass Steinbrücks Interview dennoch zum publizistischen Desaster geriet, liegt auch an der Naivität des Hanseaten: Medien brauchen Schlüsselreize, um Aufmerksamkeit zu generieren. Geld ist ein idealer Schlüsselreiz - erst recht, wenn eine Verbindung zum Anti-Kapitalismus der SPD hergestellt werden kann.

Nun ist Steinbrück unverdächtig, dem Sozialismus zu frönen. Aber er ist seit einem Monat Spitzenkandidat der SPD, die sich Chancengleichheit und soziale Gerechtigkeit auf die rote Fahne geschrieben hat. Natürlich reibt sich die politische Konkurrenz schadenfroh die Hände, wenn ausgerechnet ein Sozi ein "gestörtes" Verhältnis zum Mammon offenbart. Zumal sich nun rächt, dass Agenda-Freund Steinbrück sich nicht scheute, für ein kleines Plauderstündchen von klammen Stadtwerken so viel zu kassieren, wie er einem Hartzler nicht im ganzen Jahr zubilligen würde. Neben der Problematik, dass Medien zu oft den Verlockungen der griffigen Schlagzeile erliegen, ist das die eigentliche Moral von der Geschicht': Anspruch und Wirklichkeit dürfen nicht auseinanderdriften. Wenn der Kandidat diese Wahrheit nicht rafft, wird er gegen die clevere Kanzlerin keine Chance haben.