Der Mann mit dem roten Rucksack

Auch künftig wird der Mann mit dem roten Rucksack Griechenland im Ringen mit den Gläubigern vertreten: Euklid Tsakalotos bleibt im neuen Kabinett von Ministerpräsident Alexis Tsipras Finanzminister und damit Chef des Schlüsselressorts.

Dass Tsipras mit Tsakalotos auf Kontinuität setzt, ist dabei nicht nur Zeichen seiner persönlichen Wertschätzung des 55-jährigen Ökonomen. Athen bleibt schlicht keine Zeit zum Durchatmen. Denn nach den Vereinbarungen zum dritten Hilfspaket muss Tsipras' Regierung schon bis Oktober eine Reihe von Reformen, Steuererhöhungen und Kürzungen durch das Parlament bringen, um an Hilfsgelder zu kommen.

Hochbrisant ist auch weiter die Lage der griechischen Banken. Sie brauchen schnell frisches Geld. Die EU-Kommission drängte Tsipras am Montag zur Eile: "Es gibt viel Arbeit zu erledigen und keine Zeit zu verlieren", ließ Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker erklären. Im Rekordtempo sammelte Tsipras daher seine Regierungsmannschaft zusammen. Tsakalotos war gesetzt. Auch weil ihm die internationalen Gläubiger vertrauen. Auch das unterscheidet ihn von seinem Vorgänger, dem schillernden Giannis Varoufakis. Tsakalotos schlägt zudem deutlich leisere, diplomatischere Töne an. In der Sache tritt der im April vom Vizeaußenminister zum "Verhandlungskoordinator" der Griechen in den Gesprächen mit den Gläubigern aufgestiegene Syriza-Politiker dennoch bestimmt auf.

Inhaltlich ist der Unterschied zu Varoufakis gar nicht so groß: Der volkswirtschaftliche Standpunkt beider Ökonomen wird bisweilen als "John Maynard Keynes mit einer Prise Karl Marx " beschrieben. Tsakalotos war auf griechischer Seite federführend bei der Einigung Athens mit den Gläubigern auf ein drittes Hilfspaket in Höhe von 86 Milliarden Euro. Im Parlament machte er sich dafür stark, die "sehr schwierigen Maßnahmen" durchzubringen. Er und sein Chef Tsipras überlebten den Zick-Zack-Kurs der letzten Monate politisch, während ihre Partei Syriza Federn lassen musste. Sie spaltete sich. Aus den vorgezogenen Neuwahlen ging nun Syriza mit einer frischen Mehrheit hervor - und Tsakalotos kann weiter am Verbleib Griechenlands im Euro feilen. Den befürwortete er stets, auch wenn er zwischenzeitlich kein Blatt vor den Mund nahm: "Es ist an der Zeit für Europa zu entscheiden, ob es eine Regierung und ein Volk akzeptieren kann, die nicht alles schlucken, was man ihnen vorsetzt."

In Brüssel wurde Tsakalotos gut aufgenommen, hat er doch hinsichtlich Herkunft und Ausbildung vertrauten Stallgeruch: Der in Rotterdam geborene Tsakalotos studierte Wirtschaft, Politik und Philosophie an den Universitäten Oxford und Sussex. Von 1990 bis 1993 lehrte er Ökonomie an der Uni Kent, dann bis 2010 an der Athener Wirtschaftsuniversität. Im Mai 2012 wurde Tsakalotos erstmals ins Parlament gewählt. Seit dem ersten Syriza-Wahlsieg war Tsakalotos als stellvertretender Außenminister zuständig für internationale Wirtschaftsbeziehungen, bevor er mit dem Finanz-Ressort betraut wurde. Tsipras äußerte jüngst sogar, es sei ein Fehler gewesen, dass er Tsakalotos nicht schon früher zum Minister gemacht habe. In Brüssel dürfte diese Einschätzung sicher unumstritten sein.