Der lachende Dritte

Der Abschuss des russischen Kampfflugzeugs an der türkisch-syrischen Grenze ist genau jenes Ereignis, das Ankara und Moskau immer vermeiden wollten. Auch wenn noch nicht restlos geklärt ist, was genau sich gestern Früh am Himmel zwischen der türkischen Grenzprovinz Hatay and Syrien abspielte - der Zwischenfall zeigt die gefährliche Dynamik des Syrien-Konflikts: Eine plötzliche Eskalation kann alle besonnenen politischen Strategien über den Haufen werfen.

Am Ende könnte der Islamische Staat (IS) der lachende Dritte sein.

Politiker in der Türkei und in Russland haben nicht nur die Interessen ihrer Länder im Kopf, sondern auch die jeweilige Innenpolitik. Türkische Regierungsmitglieder und Militärs sahen sich nach mehrfachen Warnungen an die Adresse Moskaus sowie nach Beschwerden über russische und syrische Angriffe auf das mit Ankara verbündete Volk der Turkmenen gezwungen, auch einmal zu handeln, statt nur zu reden. Für die Weltmacht Russland, die in Syrien ihre Stärke demonstrieren will, ist der Abschuss ein Affront, der von Präsident Wladimir Putin wohl nicht einfach so hingenommen werden kann.

Darin liegt die unmittelbare Gefahr der kommenden Tage. Nach dem Abschuss gehen sowohl die türkischen Patrouillenflüge an der Grenze zu Syrien als auch die russischen Luftangriffe im Norden Syriens weiter. Eine neue Konfrontation ist also möglich. Doch selbst wenn ein neuerlicher Zusammenstoß vermieden werden kann, hat der gestrige Vorfall die Suche nach Frieden in Syrien weiter erschwert. Schon bisher konnten sich Staaten wie die Türkei und Russland, die in Syrien gegensätzliche Interessen verfolgen, kaum auf einen gemeinsamen Nenner einigen. Das wird ab sofort noch schwieriger sein: Putin beschuldigte die türkische Regierung gestern erneut, mit islamischen Extremisten in Syrien zu paktieren.

Die Folgen könnten weit über Syrien und die Region hinausreichen. Noch mehr Zwist auf internationaler Ebene bedeutet auch, dass die zuletzt nach den Pariser Anschlägen beim G-20-Gipfel beschworene internationale Front gegen den IS nicht zustande kommen wird. Schon jetzt wirft der Westen der russischen Regierung vor, in Syrien nicht gegen die Dschihadisten vorzugehen, sondern auch Rebellengruppen anzugreifen, die gegen das syrische Assad-Regime kämpfen.

Ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem größtmögliche internationale Geschlossenheit vonnöten wäre, bricht ein Konflikt entlang der Linien des Kalten Krieges auf. Wenn sich Russen, Türken und andere im Syrien-Konflikt jetzt umso mehr für ihre eigenen Interessen ins Zeug legen, statt den gemeinsamen Feind IS ins Visier zu nehmen, dann nützt das nur einer Seite: den Dschihadisten .