Der "kleine Unterschied"

Stell' dir vor, es ist Frauentag - und keiner denkt daran. Dieser Tag, der erstmals 1911 in Deutschland, Dänemark, Österreich und der Schweiz begangen wurde, ist gerade bei jüngeren Frauen oft gar nicht im Gedächtnis verankert. Tatsächlich ist der 8. März für große Teile des angeblich schwachen Geschlechts kein besonders wichtiges Datum (mehr). Warum sollte er auch, denkt sich so mancher

Stell' dir vor, es ist Frauentag - und keiner denkt daran. Dieser Tag, der erstmals 1911 in Deutschland, Dänemark, Österreich und der Schweiz begangen wurde, ist gerade bei jüngeren Frauen oft gar nicht im Gedächtnis verankert. Tatsächlich ist der 8. März für große Teile des angeblich schwachen Geschlechts kein besonders wichtiges Datum (mehr). Warum sollte er auch, denkt sich so mancher. Das Frauenwahlrecht haben wir seit 1919. Die Gleichstellung ist gesetzlich festgeschrieben, Frauen dürfen zur Bundeswehr, arbeiten in "Männerberufen", sind durchaus emanzipiert und werden immer selbstbewusster. Eine Aufregung wie 1971, als im Magazin "Stern" Promi-Frauen bekannten, abgetrieben zu haben, ist kaum mehr vorstellbar. Eine Frau hat es sogar an die Spitze der Politik geschafft: Seit 2005 ist Angela Merkel Bundeskanzlerin. Und Frauen wie die Unternehmerin Maria-Elisabeth Schaeffler beweisen, dass auch sie in der Lage sind, wie Männer eine Firma an die Wand zu fahren. Ist der Internationale Frauentag also in unseren Breiten ein Gedenk- und Aktionstag, der sich überholt hat, den Frauen zu Recht und ganz entspannt vergessen können? Wer das glaubt, irrt. Hat sich auch ein Ursprung dieses Tages - der Kampf fürs Frauenwahlrecht - längst erledigt, müssen wir doch heute noch für ein großes Anliegen der Frauenbewegung streiten: die echte Gleichberechtigung. Gerade im Berufsleben sind Frauen noch lange nicht auf Augenhöhe mit den "Herren der Schöpfung". Berechnungen der EU-Kommission und des Statistischen Bundesamtes zeigen den "kleinen Unterschied": In Deutschland verdienen Frauen durchschnittlich fast ein Viertel weniger als Männer. Und auch in Sachen Karriere hat das weibliche Geschlecht hier zu Lande das Nachsehen. Analysen zeigen, dass Frauen allenfalls in jüngeren Jahren gleich stark in Leitungspositionen vertreten sind wie gleichaltrige Männer. Doch je älter sie werden, desto seltener sitzen sie auf Chefsesseln. Von den Gründen hierfür kann jede berufstätige, aufstrebende Frau ein Lied singen: Noch immer zieht die Familiengründung fast zwangsläufig den Karriereknick nach sich. Daran haben auch lobenswerte Errungenschaften wie das Elterngeld wenig geändert. Die Benachteiligung wird offensichtlich, wenn zu den mageren Aufstiegs-Chancen noch die Belastung durch Kindererziehung und Haushalt kommt. Denn in diesem Bereich entwickeln Männer weiterhin eher wenig Ehrgeiz. Hinreichend Gründe also, weshalb wir den Frauentag nicht aus dem Kalender streichen können. Und weshalb er alles andere ist als "reine Frauensache".