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Der ganz große Traum des Herrn Özdemir

Der ganz große Traum des Herrn Özdemir

Cem Özdemir ist noch angeschlagen. Vor ein paar Tagen hat ihm ein Arzt ein Implantat in den Mund gesetzt. "Mir fehlt da noch ein Backenzahn", entschuldigt sich der Parteichef bei den Grünen des Kreisverbandes Stuttgart für womöglich komische Mundbewegungen. 15 Minuten hat er Zeit für seine Bewerbungsrede. Einige Mitglieder stellen Fragen, die Özdemir knapp beantwortet. Dann ist er schon gewählt zum Kandidaten, der CDU-Platzhirsch Stefan Kaufmann im Wahlkreis Stuttgart I das Direktmandat abluchsen soll. Ein grünes Mandat in der baden-württembergischen Hauptstadt, die mit Fritz Kuhn einen grünen Oberbürgermeister hat und in der mit Winfried Kretschmann der erste grüne Ministerpräsident residiert - das ist für Özdemir ein Traum, den er schon 2009 und 2013 hatte. Aber damals klappte es nicht, obwohl der Wahlkreis neben gutbürgerlichen Gegenden auch liberale Bezirke mit Studenten und Uni-Mitarbeitern umfasst.

In Baden-Württemberg will der in Bad Urach im Landkreis Reutlingen aufgewachsene Özdemir die Grünen im Spitzenduo mit Kerstin Andreae in den Bundestagswahlkampf führen. Das dürfte für den 50-Jährigen im Land eine sichere Sache sein - anders als in der Bundespartei, wo die Mitglieder per Urwahl über die Spitzenkandidaten entscheiden. Özdemir konkurriert mit Bundestagsfraktionschef Anton Hofreiter , der vom linken Flügel protegiert wird, und dem schleswig-holsteinischen Umweltminister Robert Habeck .

Özdemirs ganz großer Traum: 2017 im Bund mitregieren, nachdem die Grünen es mit ihrem Steuerwahlkampf 2013 vermasselt haben. Allerdings sind grüne Spitzenpolitiker gerade vorsichtig mit Äußerungen, ob sie Schwarz-Grün oder Rot-Rot-Grün bevorzugen. Denn diese Glaubensfrage provoziert leicht alte Flügelkämpfe. Özdemir sagt nur, dass er als Politiker aus dem Ländle viel vom baden-württembergischen Spirit nach Berlin tragen will. "Davon verstehen wir ja ein bisschen was, vom Wahlen-Gewinnen, vom Stimmen-Maximieren und davon, breite Segmente der Gesellschaft anzusprechen", sagt er mit Blick auf die Erfolge von Kretschmann. Linke Grünen-Politiker befürchten, dass ein Spitzenkandidat Özdemir im Doppelpack mit einer Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt so scharf aufs Regieren ist, dass sich beide in möglichen schwarz-grünen Verhandlungen von der Union über den Tisch ziehen lassen könnten. Zudem halten manche Özdemir vor, zuweilen die eigene Partei zu provozieren, anstatt integrativ zu wirken. So sprach sich Özdemir vor rund zwei Jahren für Waffenlieferungen in den Irak aus.

In der Flüchtlingskrise ist er ein gefragter Gesprächspartner. Der "anatolische Schwabe" gilt als freundlicher Mensch und guter Redner, der wie kaum ein anderer Grüner allein schon durch seine Biografie für Weltoffenheit und Toleranz steht. Doch verlieren, das kann er nicht so gut. 2008 soll er mit Tränen in den Augen den Saal verlassen haben, als der Parteitag ihm keinen guten Platz auf der Landesliste zur Bundestagswahl 2009 gewährte. Die Frage ist, ob Özdemir Bundesparteichef bleiben kann und will, falls ihn die Mitglieder nicht zum Spitzenkandidaten wählen.