Der Champion der kleinen Leute

Der Weg zu Lisa Flythe führt vorbei an einem schäbigen Wellblechzaun, einer verbeulten Mülltonne und einer verrosteten Eisentür. Das Gebäude in Brooklyn lässt an einen Schuppen denken, der vor dem Abriss steht.

Flythe, eine Mittfünfzigerin, hangelte sich jahrelang von Kurzzeitjob zu Kurzzeitjob und leitet nun das New Yorker Hauptquartier der Kampagne von Bernie Sanders. Sie erlebe, sagt sie, eine Begeisterung, die sogar 2008 in den Schatten stelle, das Jahr der Wahl Barack Obamas.

Sanders, 74, trägt zerknitterte Hemden und eine Brille, die aussieht, als habe er das Gestell zum Nulltarif bekommen. Voller Leidenschaft redet er über Armut, soziale Ungleichheit und die Schattenseiten der Globalisierung, ohne dabei in die Gossensprache eines Donald Trump zu verfallen. Bernie, der Champion der kleinen Leute. Das allein aber wird dem Phänomen noch nicht gerecht: Der Senator ist hip. Man sieht es schon daran, welch bunte Anhängerschar stundenlang Schlange steht, um ihm in Manhattan zuzuhören. Ein paar witzige Typen haben sich aus Jux die wohl altmodischsten Nulltarif-Brillen, die sich auftreiben ließen, auf die Nase gesetzt. Das Bild prägen die jungen Kreativen, die gerade in Brooklyn ein vergammeltes Fabrikviertel nach dem anderen zu neuem Leben erwecken. Sanders ist ihr Held.

Wohlgemerkt, ein 74 Jahre alter Mann in grauer Windjacke. Seine Stimme ist heiser, der Zeigefinger häufig erhoben. "Als wir unsere Kampagne vor elf Monaten begannen, lagen wir 60 Prozentpunkte hinter Hillary Clinton ", ruft Sanders und fährt sich durchs schüttere Haar. "Und in den letzten Wochen gab es zwei Umfragen, die uns vor ihr sehen."

Manchmal wirkt es, als könne er selber nicht fassen, was passiert. Die Vorwahl in New York morgen dürfte er zwar verlieren. Aber dass er überhaupt so weit gekommen ist, ist sensationell. Normalerweise sind die Kandidatenrennen entschieden, wenn New York an der Reihe ist, schmerzlich für eine Stadt, die sich für den Mittelpunkt des Universums hält. Diesmal ist alles noch offen, und Sanders gibt den verlorenen Sohn, der triumphierend zurückkehrt. In New York wurde er geboren, draußen in Flatbush. Genau wie seine Heimat hat er ein paar Wendungen genommen. Hippie-Träumen nachgehangen im Wald- und Wiesenidyll Vermonts, Anfang der Siebziger chancenlos kandidiert für die linke Liberty Union Party. Aber als er dann 1981 Bürgermeister der hübschen Stadt Burlington wurde, hielt er Skeptikern, die Katastrophen auf Burlington zukommen sahen, sarkastisch entgegen, auch er verspüre nicht unbedingt "große sadistische Lust", die Geschäftswelt zu zerstören. Im Dezember 2010, nunmehr Senator, redete er acht Stunden und 35 Minuten, ohne Pause zu machen, gegen einen Haushaltskompromiss wetternd, der die Niedrigsteuern der Ära George W. Bush weitgehend fortschrieb. Damit avancierte er zu einem der Sprecher jener Bewegung, die im Jahr darauf unter dem Namen "Occupy Wall Street " Furore machte.

Für Lisa Flythe ist Sanders vor allem einer, der durchhält, auch dann, wenn er Gegenwind hat. Obama, blendet sie zurück, habe im Grunde die gleichen Hoffnungen geweckt, auch er habe es verstanden, Menschen mitzureißen. "Doch kaum saß er im Weißen Haus, muss er sich gedacht haben, okay, ich bin angekommen, jetzt rede ich nur noch mit den Big Boys." Bei Sanders, glaubt Flythe, könne man sich auf eines verlassen: "Er wird tun, was er sagt."