Das Wunder von Leipzig

Wer die Ansicht vertritt, am 9. Oktober 1989 sei das Ende der DDR besiegelt worden, liegt nahe an der Wahrheit

Wer die Ansicht vertritt, am 9. Oktober 1989 sei das Ende der DDR besiegelt worden, liegt nahe an der Wahrheit. Als heute vor 20 Jahren mehr als 70 000 mutige Menschen in Leipzig auf die Straße gingen und den revolutionären Satz "Wir sind das Volk!" skandierten, bewirkte die psychologische Wucht dieses Schreis nach Freiheit und Selbstbestimmung eine Schnappatmung bei den alten Herren in Politbüro und Zentralkomitee. Jene historische Demonstration war der befreiende Moment, der das sozialistisch verbrämte Kartenhaus des "Arbeiter- und Bauernstaates" zum Einsturz brachte.Nach diesem Tag war nichts mehr wie zuvor. Gewiss hatte es schon monatelang gegärt in der DDR, deren Bewohner vom Virus der Glasnost- und Perestroika-Politik des Sowjet-Herrschers Michail Gorbatschow und den Solidarnosc-Entwicklungen im Nachbarland Polen infiziert worden waren. Zugleich aber lag der blutige Aufstand auf dem Tiananmen-Platz in Peking erst vier Monate zurück. Die Demonstranten von Leipzig wussten also erschreckend genau, wie in die Ecke getriebene Diktatoren auch reagieren konnten. Erst am 6. Oktober hatte die SED mit der Androhung der "chinesischen Lösung" die Protestbewegung einzuschüchtern versucht. Doch die 8000 Polizisten, Soldaten und Stasi-Spitzel waren an diesem Tag der Wende auch deshalb paralysiert, weil die von ihren eigenen Lebenslügen zermürbte SED-Führung rat- und hilflos agierte, weil sie vor der Kraft und Moral des Volkes kapitulierte. Dieses Signal des Zögerns und Zurückweichens, das schon zwei Tage zuvor bei den Protesten zum 40. Jahrestag der DDR in Berlin spürbar wurde, war der Durchbruch zum Sieg der Demokratie über einen totalitären Stasi-Staat, der als Sowjet-Satellit schon geraume Zeit zuvor ins Trudeln geraten war. Ohne die bewundernswerte Leistung der Montagsdemonstranten auch nur um einen Deut zu schmälern: Das Wunder von Leipzig konnte auch deshalb so friedlich gelingen, weil die DDR komplett abgewirtschaftet hatte, weil das System von innen verfault war, weil die tatterige und autistische Führungsriege außer primitiven Parolen nichts mehr zu bieten hatte. Die "Helden von Leipzig", aber auch von Dresden, Ostberlin, Magdeburg und vielen anderen Orten, haben mit ihrem Mute der Verzweiflung Geschichte geschrieben. Sie haben eine Revolution in die Wege geleitet, die weltweit Staunen hervorrief und Respekt erzeugte. Eine wahrhaft stolze Revolution, die nicht nur die Wiedervereinigung ermöglichte, sondern Deutschland in aller Welt (noch) mehr Achtung verschaffte.