Das Werk des Dalai Lama

Seit 50 Jahren ist die Tibetfrage ein Weltkonflikt. Am 10. März 1959 erhoben sich Tibeter gegen die Herrschaft der Kommunistischen Partei Chinas, deren Armee kurz nach Gründung der Volksrepublik in der Himalaya-Region eingerückt war. Peking ließ den Aufstand brutal niedergeschlagen - und bezahlte für seine Härte einen unerwartet hohen Preis

Seit 50 Jahren ist die Tibetfrage ein Weltkonflikt. Am 10. März 1959 erhoben sich Tibeter gegen die Herrschaft der Kommunistischen Partei Chinas, deren Armee kurz nach Gründung der Volksrepublik in der Himalaya-Region eingerückt war. Peking ließ den Aufstand brutal niedergeschlagen - und bezahlte für seine Härte einen unerwartet hohen Preis. Denn der junge Dalai Lama floh, geschockt von der Grausamkeit der Chinesen, nach Indien und wurde zum weltweit anerkannten Chefankläger chinesischer Menschenrechtsverletzungen.Das Schicksal der rund sechs Millionen Tibeter hat das China-Bild vieler Menschen im Westen stärker geprägt als alle anderen Nachrichten aus dem Land, in dem 1,3 Milliarden Menschen leben. Es ist ein grausames Bild, denn die Exiltibeter werfen den Kommunisten einen "kulturellen Genozid" an ihren Landsleuten vor: die systematische Auslöschung der tibetischen Lebensweise durch Einschränkung der Religion, brutale Unterdrückung, wirtschaftliche Benachteiligung und die Ansiedlung hunderttausender Chinesen in tibetischen Gebieten. Peking sieht das als Verleumdung und argumentiert, Chinas wirtschaftlicher Aufschwung habe auch den Tibetern genutzt - durch höhere Löhne, bessere Bildung, medizinische Versorgung und moderne Infrastruktur. In den gut 30 Jahren seit Ende der Kulturrevolution sei auch die Religionsfreiheit gewährleistet; viele zerstörte Klöster wurden wieder aufgebaut. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen - auch wenn die Sympathie- und Glaubwürdigkeitspunkte aus westlicher Sicht eindeutig bei den Tibetern liegen, auch wenn die Machthaber in Peking für skrupellose Propaganda bekannt sind. Dass die traditionelle Lebensweise der Tibeter im Zerfall begriffen ist, liegt nicht nur an kultureller Unterdrückung. Die tibetische Nomaden- und Bauernkultur passt schlecht ins Zeitalter der Globalisierung mit ihrem Versprechen eines besseren Lebens in den Städten. Andererseits bräuchte eine Kultur wie die tibetische gerade in diesen Zeiten staatliche Unterstützung, um Wege zur Weitergabe ihrer Kernwerte an die nächsten Generationen zu finden. Die Tibeter können dies nur im Ausland; in der Heimat kommt der Regierung ihr Identitätsverlust gerade recht. Doch so sehr die Tibeter die moralische Unterstützung des Westens verdient haben, so sehr muss die Weltöffentlichkeit auch darauf achten, nicht alle Chinesen für die Sünden ihrer Regierung verantwortlich zu machen. Viele von ihnen leiden nämlich in ähnlicher Weise wie die Tibeter unter Unfreiheit und Verletzung der Menschenrechte - nur haben sie keinen Dalai Lama.