1. Nachrichten
  2. Meinung
  3. Standpunkt

Das US-Militär und der Frosch im Gartenteich

Das US-Militär und der Frosch im Gartenteich

Martin Dempsey, schneidiger Generalstabchef des US-Militärs, ist nicht als Liebhaber von Naturprosa bekannt. Auch deshalb horchten US-Journalisten auf, als der 63-Jährige ihnen auf einem Flug nach Europa den besonderen Reiz von Seerosenblättern nahebrachte.

Jene "lily pads" stehen in der Militärsprache der Verschleierung für unauffällige kleine Stützpunkte im Ausland, ausgestattet nur mit dem Nötigsten. Dempsey will damit im Irak präsent bleiben, der seit dem Abzug der amerikanischen Truppen längst ins totale Chaos abgeglitten ist.

Wie Frösche auf dem Gartenteich könnten US-Soldaten von einem Seerosenblatt zum nächsten hüpfen, um schnell und gut getarnt an Brennpunkte zu gelangen - so interpretieren Militär-Experten Dempseys Vision. Auf den Irak bezogen bedeutet die Strategie nach den Worten des Vier-Sterne-Generals, dass US-Militärs die irakischen Verbündeten im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat trainieren, aber nicht mehr selbst kämpfen. Das Weiße Haus nennt Dempseys Ausführungen zwar "sehr theoretisch". Aber zugleich ist allen Beteiligten klar, dass die USA unter Handlungsdruck stehen. Präsident Barack Obama hat die Streitkräfte aus dem Irak abgezogen, obwohl ein wesentliches Ziel des Einsatzes ebenso wenig erreicht war wie in Afghanistan: eine Stabilisierung im Land herbeizuführen.

Nicht zuletzt wegen des islamistischen Terrorismus gibt es für die US-Militärführung keinen Zweifel, dass weiterhin eigene Leute an internationalen Brennpunkten gebraucht werden. Doch nicht nur im verdeckten Kampf gegen Dschihadisten wird die Strategie des Pentagon deutlich. Auf einer Insel im ölreichen Golf von Guinea vor Afrikas Westküste entstanden oder entstehen nach Angaben von Experten ebenso neue US-Basen wie in Rumänien. Dort errichtet das Pentagon gegen den ausdrücklichen Willen Russlands sein neues Raketenabwehrsystem. Die USA wollen als einzig verbliebene Weltmacht ihren globalen Einfluss aufrecht erhalten und die neuen Konfliktzonen selbst in den entlegensten Ecken kontrollieren können.

Während die Air Force im rheinland-pfälzischen Ramstein noch immer den größten Militärflughafen außerhalb der USA betreibt, entstehen nun in Äthiopien oder auf den Seychellen Stützpunkte für ferngesteuerte Aufklärungs- und Kampfdrohnen. Das Leitmotiv für die "lily pads": nicht in der Öffentlichkeit des fremden Landes auffallen, Konflikte mit der Bevölkerung vermeiden, so wenig Spuren wie möglich hinterlassen. Für den Irak bedeuten die "lily pads" nach dem Scheitern der US-Streitkräfte faktisch eine zweite Chance, analysiert der US-Militärexperte David Vine von der American University in Washington . Zudem sind die spartanischen US-Basen deutlich billiger als die herkömmlichen Großprojekte.

Seit langem verweisen Militärstrategen darauf, dass sich die US-Army global in ein Expeditionskorps wandeln muss, flexibel und mit vielen Standorten. "Den wenigsten US-Bürgern dürfte klar sein, dass wir vermutlich mehr Stützpunkte in fremden Ländern haben als jedes andere Volk, jede andere Nation oder jedes Weltreich in der Geschichte", schreibt Vine. In seinem neuen Buch "Base Nation" stellt er die These auf, dass die USA derzeit weltweit etwa 800 Stützpunkte betreiben, von den Mega-Kasernen in Deutschland oder Japan bis zu kleinen Radarstationen in Peru oder Puerto Rico.