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Corona und Karfreitag: Wenn der Tod öffentlich wird

Leitaritkel: Corona und Karfreitag : Warum wir über Sterben und Tod sprechen sollten

Wenn es Bilder gibt, die die ganze Dramatik der Corona-Epidemie gebündelt haben, dann sind es die von den Leichentransporten in Bergamo. Man sieht, wie eine Kolonne von Militärfahrzeugen nachts langsam die Stadt verlässt.

Was sie transportieren, sieht man nicht. Es sind die Särge der Covid-19-Opfer, dieser oft tödlichen Krankheit, der wir eine abstrakte Kennung gegeben haben, um sie irgendwie zu fassen. Weil ab Mitte März viele Menschen gleichzeitig starben, kamen die Krematorien in Bergamo mit den Verbrennungen nicht hinterher. Die Leichen mussten andernorts eingeäschert werden, das Militär sprang ein. Die Bilder waren nicht nur wegen der Zahl der Fahrzeuge und in ihnen aufgebahrter Särge schockierend, sondern weil der Tod auf den Bildern in seiner ganzen Gnadenlosigkeit zum Vorschein kam.

 Keine Naturkatastrophe, kein Erdbeben, kein Krieg, kein örtlich begrenztes Drama. Das Virus kann uns alle erwischen. Das war die Botschaft der Bilder aus Bergamo.

 In normalen Zeiten wird privat gestorben, hinter verschlossenen Türen. Diese Regel hat die Corona-Epidemie durchbrochen. Weil das Sterben massenhaft vor sich geht, bahnt sich der Tod seinen Weg in die Öffentlichkeit. Das ist auch das Karfreitags-Thema. Im Christentum trauern Gläubige an diesem Tag um den Tod Jesu. Der Karfreitag bedeutet Trauer, Stille, Tanzverbot. Und doch wird leicht vergessen, dass ohne diesen Tod die ganze Osterbotschaft der Auferstehung zu neuem Leben gar keinen Sinn hätte. Der Tod und das Leben sind Eins, lehrt die Ostergeschichte.

Auch wer sich nicht als religiös bezeichnet, kann in diesen Tagen dem Tod nicht aus dem Weg gehen. Der Shutdown ist die Folge des befürchteten Massensterbens. Der Tod ist das Thema hinter Sars-CoV-2. Wir bekommen gerade ein universales Memento mori vorgeführt. Und weigern uns doch, dem Lebensende als solchem wirklich in die Augen zu sehen.

 Wie wäre es, sich wirklich mit dem Tod zu beschäftigen, anstatt weiterhin vor ihm davon zu laufen? Damit sind nicht die notwendigen lebensrettenden Maßnahmen gemeint, sondern die Auseinandersetzung mit dem Thema Tod an sich – nicht nur an Karfreitag. Dem Tod haftet in unserer Wahrnehmung ja immer etwas Dunkles, Finsteres an. Der Tod ist eines der letzten Tabus unserer Gesellschaft. Die Beschäftigung mit ihm ist ins Private delegiert. Wer öffentlich über den Tod spricht, dem haftet schnell ein Grufti-Image an. Dabei handelt es sich bei dieser Reaktion nur um einen weiteren, unbewussten Abwehrmechanismus.

Aber die Todesangst, Motor vieler anderer Ängste, geht zurück, wenn man sich mit dem Tod beschäftigt. Das wissen Psychologen. Nur wer seinen Ängsten nicht aus dem Weg geht, kann sie überwinden. 

Der Tod ist auch ein Sinnstifter: Welche Entscheidungen würden wir nie treffen, wenn wir ewig lebten? Der Tod zwingt uns in das Leben. Es mit Sinn zu füllen ist die Kunst. Vielleicht gibt es sogar eine schlimmere Vorstellung als das Lebensende: Die Reue, nur existiert, aber nicht gelebt zu haben.