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Chinas Wirtschaftswunder geht die Puste aus

Chinas Wirtschaftswunder geht die Puste aus

Chinas Wirtschaftswachstum ist im ersten Quartal auf den niedrigsten Stand seit anderthalb Jahren gefallen. Mit 7,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum lag der Zuwachs der zweitgrößten Volkswirtschaft unter dem selbst gesteckten Ziel von 7,5 Prozent, die Erwartungen waren jedoch noch schlechter.

Für die deutsche Exportwirtschaft gibt es deshalb zwei gute Nachrichten: Es hätte schlimmer kommen können - und es besteht Aussicht auf Besserung.

Die Abhängigkeit der Exportnation Deutschland vom asiatischen Wachstumsmarkt mit rund 1,3 Milliarden Konsumenten ist groß. Mit weitem Abstand ist China der wichtigste Wirtschaftspartner in Asien und der drittgrößte weltweit. Für deutsche Schlüsselindustrien wie Auto- und Maschinenbau ist das China-Geschäft überlebenswichtig. Bekommt China den Husten, erkältet sich nicht nur Deutschland, sondern auch die Welt.

Zwar sieht auch der Chefökonom Louis Kuijs von der Royal Bank of Scotland eine leichte Besserung der chinesischen Wirtschaft, von einer Entwarnung will er aber nicht sprechen: "Die Wachstumsrisiken bleiben." Die Nervosität der Märkte werde sich nicht legen. Die Widerstandsfähigkeit des arbeitsintensiven Dienstleistungssektors habe allerdings dem Arbeitsmarkt geholfen - und darauf kommt es den chinesischen Führern an. Ihre neue Devise lautet: Nicht Volldampf, sondern nachhaltiges Wachstum, das zumindest genug Arbeitsplätze generieren muss.

Schmerzhafte Reformen sind geplant, um in der Wertschöpfung nach oben zu klettern und die Risiken im Finanzsektor mit seinem krakenhaften Schattenbankenwesen in den Griff zu bekommen. Es sei absolut zwingend, dass die Reformen akzeptiert würden und nicht so wirkten, als wenn sie soziale Probleme schaffen, sagt Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz.

Um das formulierte Ziel von zehn Millionen neuen Arbeitsplätzen zu erreichen, ist für Regierungschef Li Keqiang 7,2 Prozent Wachstum die untere Grenze. Konjunkturprogramme will der Premier vorher nicht auflegen, weil die Wirtschaft ohnehin schon süchtig nach Investitionen und Krediten ist, aber ihre hohen Schulden längst nicht mehr zurückzahlen kann.

Li Keqiang setzt die Wirtschaft auf vorsichtigen Entzug. Die gesamte Kreditvergabe aus offiziellen und grauen Quellen fiel im ersten Quartal auf 5,6 Billionen Yuan (650 Milliarden Euro) - weniger als im Vorjahresquartal mit 6,2 Billionen Yuan. Mit dem Bemühen der Regierung, die Verschuldung zu reduzieren, verlangsamt sich spürbar auch das Schattenbankengeschäft.

Dass die Wachstumszahlen nun nicht so schlecht ausgefallen sind wie befürchtet, kommt der Regierung sehr gelegen. Sie kann ihren Kurs bestätigt sehen. Aber da zwischen Untergangsstimmung und Hoffnungsschimmer nur wenige Stellen hinter dem Komma liegen, könnte auch etwas Zweckoptimismus in die Statistik eingebaut sein, glaubt Jörg Wuttke, langjähriger Chinakenner und Berater der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD). Ihn macht der starke Rückgang im Frachtverkehr der Bahn stutzig, den eigentlich auch Li Keqiang lieber als Maßstab für echtes Wirtschaftswachstum heranzieht. So ist das Cargo-Volumen zwischen Januar und März sogar um 3,7 Prozent gefallen: der größte Rückgang in einem ersten Quartal seit 2006.