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Chinas riskantes Spiel mit Bo Xilai

Chinas riskantes Spiel mit Bo Xilai

Im offenen Hemd steht Bo Xilai vor dem Richter. Neben dem 1,86 Meter großen Spitzenpolitiker, der sonst alle Chinesen überragt, stehen zwei ungewöhnlich große Polizisten.

Da wirkt selbst Bo Xilai klein. Sofort wird spekuliert: Soll der mächtige Politiker, der einst unaufhaltsam auf dem Weg in die Parteispitze schien, auf der Anklagebank mickrig und unbedeutend aussehen?

Zunächst scheint alles fein orchestriert, doch einer spielt nicht mit: der Angeklagte. Kaum beginnt der Prozess, legt Bo Xilai los. Nacheinander widerspricht er den Anklagepunkten. Das Statement des Zeugen Tang Xiaoling, der ihn bestochen haben will, sei der "hässliche Auftritt einer Person, die ihren eigenen Hals retten will". Der Geschäftsmann sei ein "Hund", der ihn ans Messer liefern wolle, um selbst Strafminderung zu bekommen, sagt Bo Xilai. Er habe kein Geld genommen, sondern stets das Wohl des Volkes im Sinn gehabt.

Seine Aussagen werden nicht etwa von Journalisten in die Öffentlichkeit getragen. Sie sind - zumindest in Auszügen - im offiziellen Protokoll auf der alle paar Minuten aktualisierten Seite des Gerichtes im twitterähnlichen Kurzmitteilungsdienst Weibo zu lesen. Eine ungewöhnliche Offenheit, mit der sich China vielleicht als Rechtsstaat darstellen will - oder die der Führung dient, Entschlossenheit im Kampf gegen Korruption zu demonstrieren.

Der rasante Aufstieg des ambitionierten 64-Jährigen und sein noch schnellerer Fall stehen für einen der schwersten Machtkämpfe in der Partei seit Jahrzehnten. Bo Xilai war wegen seiner Sozialpolitik als Parteichef der Metropole Chongqing zum Hoffnungsträger der linken Kräfte aufgestiegen. Dabei hatte er sich mit seinen "roten Kampagnen" am Gründer der Volksrepublik Mao Tsetung orientiert. Aber dann packte Anfang 2012 sein einstiger Vertrauter Wang Lijun aus - über Korruption und den Giftmord von Bo Xilais Frau Gu Kailai an dem britischen Geschäftsmann Neil Heywood.

Monate hatte der Politiker im Arrest der Partei verbracht. Vor Gericht zieht er ein Geständnis aus der Zeit zurück. Und sogar gegen seine Frau teilt Bo Xilai aus. Sie hatte die Vorwürfe vor Gericht in einer schriftlichen Stellungnahme bekräftigt. Ihre Aussagen seien "komisch und lächerlich". Gu Kailai war im August vergangenen Jahres zu einer Todesstrafe auf Bewährung verurteilt worden. Die Strafe wird in China meist in lebenslange Haft umgewandelt.

Bo Xilai versucht vor Gericht, sich als Märtyrer zu stilisieren. Aber warum lässt ihm die Partei überhaupt die riskante Show? Die Antwort könnte sich wenige Meter vom Gerichtsgebäude entfernt finden lassen. Denn obwohl Sicherheitsleute ganze Straßenzüge um das Volksgericht sperrten, sammelten sich an den Barrikaden Unterstützer und Schaulustige. "Bo Xilai und Mao Tsetung sollen ewig leben", meint ein Mann.

Noch immer genießt Bo Xilai bei einigen im Milliardenreich großes Ansehen. Außerdem besitzt er einen besonderen Status als "Prinzling" und Sohn des Revolutionsveteranen Bo Yibo, der zu den "Acht Unsterblichen" der Partei gehörte. Staats- und Parteichef Xi Jinping will den Konkurrenten möglicherweise nicht im Stillen aburteilen. Auch scheint sich die Anklage ihrer Vorwürfe sehr sicher. Vielleicht soll Bo Xilai dem Volk als uneinsichtiger, machtbesessener Politiker präsentiert werden.

Letztlich wird ihm sein Kampf vor Gericht kaum nützen. Hinter den Kulissen dürfte das Urteil lange gefällt sein - in Absprache mit der Parteiführung. Beobachter tippen auf 15 Jahre Haft.