1. Nachrichten
  2. Meinung
  3. Standpunkt

Britische Außenseiter rücken ins Zentrum

Britische Außenseiter rücken ins Zentrum

Durchbruch für die Außenseiter: Die rechtspopulistische und europafeindliche "United Kingdom Independence Party" (Ukip) hat ihren ersten Sitz im britischen Unterhaus errungen. Eine Nachwahl im Küstenstädtchen Clacton-on-Sea, im Südosten der Insel, brachte das historische Ergebnis.

Der Wahlsieger, Douglas Carswell, war bis vor wenigen Wochen noch Abgeordneter der konservativen Tories. Dann wechselte er die Seiten und erzwang mit seinem Übertritt zur Ukip die Nachwahl, bei der er einen triumphalen Sieg einfuhr. Mit 60 Prozent der Stimmen verwies Carswell seine alte Partei mit weitem Abstand auf Platz zwei - die Konservativen landeten bei knapp 25 Prozent.

Bei einer weiteren Nachwahl, die durch den Tod eines Abgeordneten nötig wurde, schnitten die Rechtspopulisten ebenfalls stark ab: In Heywood, einem Wahlkreis im alten englischen Industriegürtel um Manchester, fehlten ihnen nur 617 Stimmen zum Sieg. Labour behauptete den Sitz im Unterhaus knapp mit 41 Prozent der Stimmen. Noch bei der letzten Parlamentswahl im Jahr 2010 hatte Ukip in der traditionellen Labour-Hochburg gerade mal drei Prozent erzielt. Diesmal waren es sensationelle 39 Prozent.

Damit ist es nicht mehr von der Hand zu weisen: Ukip ist neben Tories, Labour und Liberaldemokraten als vierte Partei in der politischen Landschaft Großbritanniens angekommen. Parteichef Nigel Farage feierte den Triumph in Clacton-on-Sea überschäumend. "Etwas ganz Großes passiert hier", tönte er. Die Leute hätten genug von den Karriere-Politikern der anderen Parteien, sie wollten einen Wechsel.

Während der Sieg in Clacton erwartet worden war, kam das hervorragende Abschneiden der Populisten in Heywood überraschend. Auch deshalb stufte Farage das dortige Ergebnis als "noch bedeutender" ein. Es zeige, dass seine Partei in Nordenglands Städten zur größten Opposition gegen Labour geworden sei. Tatsächlich spricht Ukip mit ihrer scharfen Anti-Einwanderungsrhetorik viele Wähler in der Arbeiterklasse an, die von den Folgen der Globalisierung schwer verunsichert sind. Labour-Chef Ed Miliband räumte denn auch ein, seine Partei stehe nun in ihren traditionellen Hochburgen vor einer Herausforderung.

Die größte Gefahr bildet Ukip allerdings für die Tories. Wahlforscher ermittelten, dass die Rechtspopulisten vier Mal mehr konservative Wähler als Labour-Anhänger abwerben. Während Premier David Cameron die Ukip noch vor ein paar Jahren despektierlich als Ansammlung von "Fruitcakes" (etwa: "Dummköpfe") bezeichnete, hat er nun selbst ein Problem. Und zwar ein ernstes. Cameron versucht dem auf sehr konventionelle Weise zu begegnen. "Wer Ukip wählt, der bekommt die Labour-Partei an der Macht und Ed Miliband als Premierminister", warnt er in der festen Überzeugung, dass er den Briten als Regierungschef immer noch lieber ist als der als linkisch abgestempelte Miliband.

Doch wenn sich die Stimmen im rechten Lager aufsplitten, eröffnet dies Perspektiven für Labour oder die Liberaldemokraten. Ukip mag den Tories vielleicht nicht viele Sitze abnehmen, aber sie kann verhindern, dass die Konservativen bei der Unterhauswahl im kommenden Mai die absolute Mehrheit erreichen. Ein weiterer Test steht schon in wenigen Wochen an: In Rochester will Mark Reckless, ebenfalls ein konservativer Überläufer, seinen Parlamentssitz für die Ukip gewinnen. Wie man hört, stehen die Chancen nicht schlecht.