Brasiliens große Krise

Den Tag ihrer größten Niederlage begann Dilma Rousseff demonstrativ gelassen. Wie jeden Morgen setzte sie sich früh am Sonntag auf ihr Rad und drehte ein paar Runden um den Präsidentensitz in Brasilia.

Ihr folgten zwei Leibwächter ebenfalls auf Fahrrädern. Die Runde fiel mit 15 Minuten deutlich kürzer aus als sonst. Schließlich galt es vor der Abstimmung über ihr politisches Überleben noch die Reihen zu schließen, die letzten Getreuen zu sammeln. Am Ende nutzte es nichts. Rousseff verlor die wichtigste Abstimmung im Rahmen des gegen sie angestrengten Amtsenthebungsverfahrens klar mit 367 zu 137.

Seit Sonntagabend ist die 68-Jährige nur noch ein Staatsoberhaupt auf Abruf. In wenigen Wochen schon wird der Senat ähnlich wie jetzt das Unterhaus über ihre Absetzung befinden. Der Ausgang ist absehbar. Rousseff wird suspendiert werden, zunächst für 180 Tage, aber vermutlich für den Rest ihrer Amtszeit, die bis Ende 2018 läuft. Die Ex-Guerillera hat am Sonntag ihren wichtigsten politischen Kampf verloren. Nur noch wenige Male wird sie morgens die Runde um den Palast drehen. Dann zieht dort ihr Erzfeind Michel Temer ein. Es ist ein entwürdigendes Ende einer stolzen Politikerin, die das größte Land Lateinamerikas seit 2011 regiert.

Niemand hätte in Brasilien je erwartet, dass die Tochter eines bulgarischen Kommunisten und einer Brasilianerin so dramatisch scheitert. Jeder wusste, dass sie nicht die Ausstrahlung ihres Vorgängers Lula da Silva hat. Sie fühlt sich in der Öffentlichkeit unwohl, wirkt hölzern und ist schnell genervt. Sie gilt als beratungsresistent und kaum konsensorientiert. Dilma, wie sie genannt wird, ist vor allem eine akribische Arbeiterin. Sie kommt jeden Morgen um 9.15 Uhr ins Präsidialamt und geht zwölf Stunden später heim.

Rousseff war eine hervorragende Strippenzieherin hinter den Kulissen. Aber Lula wollte sie unbedingt zu seiner Nachfolgerin aufbauen. Dabei war von Anfang an klar, dass sie wenig besser machen konnte. So änderte sie nichts an den Sozialprogrammen und suchte zielgerichtet das Feld, in dem Lula die größten Versäumnisse aufwies: die Korruption in der Regierung. Ohne mit der Wimper zu zucken, entsorgte sie die der Bestechlichkeit verdächtigen Kabinettsmitglieder. So wirkt es als Ironie des Schicksals, das Rousseff nun unter anderem über die Folgen des Petrobras-Skandals um Schmiergeld beim staatlichen Ölkonzern fällt, in den mehr als 500 Politiker verwickelt sind.

Dilmas größtes Versäumnis aber ist es, die Wirtschaft nicht auf Kurs gehalten zu halten. Der Wert der Währung Real verfällt, die Inflation steigt ebenso wie Arbeitslosigkeit und Verschuldung. Eigentlich geht es bei der Amtsenthebung vor allem darum: eine in den Augen der meisten Brasilianer den vielen Anforderungen nicht gewachsenen Präsidentin vor der Zeit abzulösen. Daher wird Rousseff, die gegen die Diktatur kämpfte, diese letzte politische Schlacht verlieren.

Man kann nur hoffen, dass der Machtwechsel zügig vonstatten geht. Denn das Land, eigentlich für große Toleranz bekannt, ist so polarisiert wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Anhänger und Gegner der Regierung beschimpfen sich auch offener Straße oder gehen sogar aufeinander los. Brasilien, bis 2010 noch das Vorzeigeland und die Lokomotive in Lateinamerika mit hohen Wachstumsraten und erfolgreicher Sozialpolitik, steckt in der tiefsten Krise seiner Geschichte.