Bewegende Kraft?

Siebzehn Jahre dauerte der Kampf um das Holocaust-Mahnmal in Berlin. Dagegen ist das, was in Saarbrücken rund um den Rabbiner-Rülf-Platz an der Berliner Promenade passiert ist und noch passieren wird, ein Harmoniefest.

Trotz der peinlichen Baupanne an der Freitreppe zur Saar. Deren Teilsperrung torpediert die Aura des Kunstwerkes "Der unterbrochene Wald". So ist dies heute wahrlich kein Ideal-Start, aber auch kein Grund für Katastrophengesänge. Selbst dann nicht, wenn man den Abwehr-Reflex einiger Bürger ernst nimmt, die ihre Freizeitzone am Fluss blockiert sehen. Vandalismus wird angedroht.

Trotzdem gilt: Massenempörung sieht anders aus. Mit Vorsicht lässt sich behaupten, dass die Mehrheit der Saarländer das zentrale Mahnmal für die jüdischen Opfer des NS-Terrorregimes wohl akzeptiert. Irritieren darf freilich, wie wenig bekannt der Ort derzeit noch ist - nach fünf Jahren Planung. Dafür muss sich die Landesregierung mit in Haftung nehmen lassen. Statt zusammen mit Saarbrücken in die PR-Offensive für dieses bedeutende Projekt zu gehen, duckte sie sich weg.

Vor diesem Hintergrund versteht man die Frustration der jüdischen Gemeinde, die selbst Motor spielen musste und dabei fast zwangsläufig Eigenmächtigkeiten gegenüber der Politik entwickelte. Feindseligkeit entwickelte sich trotzdem nicht. Insofern verdient der heutige Tag fast ungetrübte Freude. Er bezeugt, dass das Saarland Anschluss gefunden hat an eine angemessene Aufarbeitungs-Politik. So wäre denn der Rülf-Platz eine Pflichtschuldigkeit? Wie falsch. Der Gedenk ort ist eine Herzensangelgenheit der jüdischen Gemeinde - und besitzt das Potenzial, unsere übliche bequeme Vergesslichkeit auszuhebeln. Die jüdischen Bürger bekommen dadurch das, was ihnen zusteht: einen besonderen, einen würdigen Platz inmitten saarländischer Landesgeschichte, inmitten unserer Gemeinschaft und Identität. Deshalb ist auch die Platzierung an einem der belebtesten und beliebtesten Orte Saarbrückens richtig und mutig.

Zumal uns Ariel Auslenders Stelenwald keine intellektuelle Erinnerungsarbeit aufzwingt, sondern, indem sie Barrieren in den städtischen Normalzustand einbaut, die Freiheit des Erlebens gewährt. Jedoch werden weder die Opfer, geschweige denn die Täter sichtbar. Zu wenig Konfrontation mit Schuld und Verantwortung? Diese Kritik ereilte auch das Berliner Holocaust-Mahnmal, ab heute wird wohl auch hier zu Lande darüber diskutiert. Der entlastende "Schlussstrich" bleibt sowieso aus. Geplant ist, an anderer Stelle der Landeshauptstadt zusätzlich eine Wand mit Opfernamen zu errichten. Doch wie viele Juden sind ermordet oder deportiert worden und wer? Das ist erst lückenhaft erforscht. Schüler sollen die Recherche leisten. Das trägt dann auch den Rülf-Platz.