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Beim Betreuungsgeld geht es um Ideologie

Beim Betreuungsgeld geht es um Ideologie

Berlin. Bildungsforscher und Sozialverbände sind empört: Das von der CSU gegen CDU und FDP im Koalitionsvertrag durchgesetzte Betreuungsgeld von monatlich 150 Euro kommt ab 2013 denjenigen Eltern zu Gute, die ihre kleinen Kinder unter drei zu Hause selbst betreuen - und nicht in den Kindergarten schicken

Berlin. Bildungsforscher und Sozialverbände sind empört: Das von der CSU gegen CDU und FDP im Koalitionsvertrag durchgesetzte Betreuungsgeld von monatlich 150 Euro kommt ab 2013 denjenigen Eltern zu Gute, die ihre kleinen Kinder unter drei zu Hause selbst betreuen - und nicht in den Kindergarten schicken. Doch alle jüngsten Schulstudien wie Iglu und Pisa betonen die Bedeutung frühkindlicher Bildung und vor allem die Impulse, die kleine Kinder im Spiel mit Gleichaltrigen erfahren. Das gilt um so mehr, wenn die Kinder in bildungsfernen Milieus oder bei Eltern mit unzureichenden deutschen Sprachkenntnissen aufwachsen.Der für drastische Worte bekannte Berliner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) aus dem Problemstadtteil Neukölln bezog dazu klar Stellung: "In der deutschen Unterschicht wird die Kohle der Kinder versoffen, in der migrantischen Unterschicht kommt die Oma aus der Heimat zum Erziehen." Und diese spreche leider in 99 Prozent der Fälle kein Deutsch, warnte Buschkowsky. Das Betreuungsgeld fließe in bestimmten Kreisen eher in Konsum- und Prestigegüter, wie Alkohol oder Heimkinos - und sei so ein Programm, um gerade diejenigen Kinder den Krippen und Tagesstätten zu entziehen, die diese eigentlich bitter nötig hätten. Der Deutsche Gewerkschaftsbund und der Sozialverband VdK und die Deutsche Kinderhilfe tuten ins gleiche Horn. Allerdings trügen die Illusionen, die Schwarz-Gelb gerade bei der Gruppe der Hartz-IV-Bezieher auf zusätzliches Haushaltsgeld ab 2013 geweckt haben mag, gewaltig. Denn nach bisheriger Praxis werden bei Hartz-IV-Empfängern erhöhte staatliche Transferleistungen, wie etwa nach einer regulären Kindergeldaufstockung, stets von der Gesamtsumme der Familienförderung wieder abgezogen. Unter dem Strich also ist das Betreuungsgeld für Eltern ohne Gehalt oder mit nur geringem Erwerbseinkommen ein reines Nullsummenspiel. Die CSU weist die Kritik an ihrem bereits zu Zeiten der großen Koalition aufs Schild gehobenem "Projekt Betreuungsgeld" empört zurück. Es sei zwar unbestritten, dass Kinder aus bildungsfernen Milieus unter Umständen im frühen Alter von pädagogischen Impulsen in Kindergärten profitieren können, räumt Bayerns Familienministerin Christine Haderthauer (CSU) ein. Doch sei dies "eindeutig eine andere Baustelle". Ganz bewusst habe die CSU diejenigen Eltern im Blick, die für ihre unter dreijährigen Kinder keinen, mit hohen Summen von Steuergeldern bezahlten Betreuungsplatz beanspruchten. Doch nicht nur die SPD hatte sich in der vergangenen Wahlperiode vehement gegen die Einführung des Betreuungsgeldes gesperrt. Auch Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) machte aus ihrer Abneigung keinen Hehl. Denn im Grunde genommen geht es bei dem Streit nicht um Geld - sondern um Ideologie. Während die überwiegende Zahl der deutschen wie der ausländischen Kindheitsforscher und Psychologen inzwischen die Betreuung auch kleiner Kinder in qualifizierten Krippen oder Tageseinrichtungen für unproblematisch hält - ja oft sogar als sinnvoll empfiehlt, kommt die CSU mit dem Betreuungsgeld vor allem Anhängern des tradierten deutschen Familienbildes entgegen: Der Vater und Ernährer im Beruf, die Mutter am Herd als Erzieherin der Kinder.