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Auf der Rutschbahn in den nächsten Krieg?

Auf der Rutschbahn in den nächsten Krieg?

Es kommt nicht oft vor, dass das Weiße Haus Martin Dempsey zurückpfeifen muss. Der Stabschef der Streitkräfte liefert in aller Regel Paradebeispiele rhetorischer Disziplin, die keinen Zentimeter abweichen von der Linie der Regierungszentrale.

Obendrein symbolisiert er wie kaum ein anderer die Vorsicht einer Armee, deren Strategen nach den aufreibenden Feldzügen in Afghanistan und im Irak davor warnen, die erschöpften Soldaten zu überfordern, die Truppe zu überdehnen. Allein sein Mienenspiel, die Stirn meist in tiefe Sorgenfalten gelegt, wirkt wie eine Illustration akuter Kriegsmüdigkeit.

Nun aber lässt Barack Obama mitteilen, Dempsey stelle rein hypothetische Überlegungen an, wenn er erwäge, im Ringen mit der radikalislamischen Terror-Miliz IS amerikanische Bodentruppen einzusetzen. Gestern Abend bekräftigte der Präsident persönlich bei einem Truppenbesuch des Zentralkommandos in Tampa (Florida), das unter anderem für Irak und Syrien zuständig ist: "Als Euer Oberbefehlshaber der Streitkräfte werde ich Euch und den Rest unserer bewaffneten Streitkräfte nicht zu einem weiteren Bodenkrieg im Irak verpflichten". Zugleich warnte er die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) vor dem langen Arm des US-Militärs. "Unsere Reichweite ist groß, letztendlich werden wir Euch finden."

Skeptische Demokraten sehen in den Überlegungen zu einem Bodeneinsatz eine Hemmschwelle überschritten. Manche fürchten eine schleichende Eskalation. Was, wenn sich die irakische Armee, die sich den Fanatikern im Juni praktisch kampflos ergab, erneut als Papiertiger erweist? Müssen dann die Amerikaner die Kastanien aus dem Feuer holen? Wird das US-Kontingent von derzeit 1600 Mann in Bagdad und Erbil immer weiter aufgestockt? Mit der Entsendung solcher Berater hatten sich die USA einst auf die Rutschbahn begeben, die geradewegs in den Sumpf des Vietnamkriegs führte - auch das erklärt die Heftigkeit der aktuellen Wortmeldungen.

Während Außenminister John Kerry und Verteidigungsminister Chuck Hagel umherreisen und eine 40-Staaten-Koalition gegen die Glaubenskrieger zu zimmern versuchen, nimmt man in Washington ernüchtert zur Kenntnis, wie schwer sich speziell die Türkei und die arabische Welt mit konkreten Zusagen tun. Robert Gates, bis vor drei Jahren Chef des Pentagon, redet Tacheles. Man könne IS nicht besiegen, wenn man die Guerilla nur aus der Luft attackiere, sagt er. Doch statt einer großangelegten Offensive das Wort zu reden, empfiehlt der Realpolitiker Gates, den Zweck der Mission bescheidener zu definieren: Die Miliz nicht nur zu schwächen, sondern sie zu zerstören, wie Obama es angepeilt hat, hält er schlicht für ein unerreichbares Ziel.

Auf der anderen Seite fordern prominente Republikaner den Präsidenten auf, keine halben Sachen zu machen. Da er sich nun endlich durchgerungen habe zum Duell gegen den IS, müsse er es auch bis zum Ende durchstehen. Überraschend ist das Tempo, mit dem mancher Konservative ein Prinzip aufgibt, das lange parteiübergreifend sakrosankt schien: "No boots on the ground", keine amerikanischen Soldatenstiefel auf dem Terrain des Mittleren Ostens. Nein, der Einsatz von Bodentruppen sei keine Option, hatte etwa der Senatsveteran Lindsey Graham noch vor drei Monaten abgewiegelt. Heute sagt er: "Die Vorstellung, wir bräuchten keine Stiefel im Sand, um IS zu besiegen, ist Einbildung".