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Auch ohne Strauss-Kahn muss Sarkozy zittern

Auch ohne Strauss-Kahn muss Sarkozy zittern

Paris. Das war es jetzt endgültig für Dominique Strauss-Kahn. Zwar hatte zuletzt kaum noch jemand ernsthaft damit gerechnet, dass der ehemalige Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF) im kommenden Jahr bei der Präsidentschaftswahl antreten würde

Paris. Das war es jetzt endgültig für Dominique Strauss-Kahn. Zwar hatte zuletzt kaum noch jemand ernsthaft damit gerechnet, dass der ehemalige Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF) im kommenden Jahr bei der Präsidentschaftswahl antreten würde. Aber seit gestern ist es quasi amtlich: Der Sozialist Strauss-Kahn, der bis zu seiner Anklage in den USA wegen angeblicher Vergewaltigung und seinem Rücktritt als IWF-Chef als haushoher Favorit für die Wahl gegolten hatte, wird nicht kandidieren und dem konservativen Amtsinhaber Nicolas Sarkozy das Amt streitig machen.Bis Mitternacht mussten die Anwärter der Sozialistischen Partei (PS) ihre Bewerbung einreichen. Parteichefin Martine Aubry gab das Schreiben als eine der letzten ab. Die Oppositionsführerin hatte im Juni angekündigt, dass sie ins Rennen um die Kandidatur gehe, lange nach den anderen Anwärtern - unter denen auch ihr Vorgänger ist, der frühere Parteivorsitzende François Hollande.

Dass Aubry so lange wartete, hat mit Strauss-Kahn zu tun. Denn die beiden hatten eine Abmachung, wie es heißt: Keiner würde bei der Vorwahl der PS im Herbst gegen den anderen antreten. Und "DSK", wie die Franzosen Strauss-Kahn nennen, hatte bis zu seiner Festnahme im Mai die besten Aussichten auf das höchste Amt im Staat.

Solange noch die Möglichkeit bestand, dass sich die Vorwürfe gegen den zurückgetretenen IWF-Chef als haltlos herausstellen würden, dass die Anklage gegen ihn fallengelassen würde, dass ihr Parteigenosse in absehbarer Zeit in seine Heimat zurückkehren werde - solange ließen die Sozialisten sich und ihm Zeit. Zumal seine engsten politischen Weggefährten durchblicken ließen, dass durchaus noch mit ihm zu rechnen sei. Gerne könne die Bewerbungsfrist für "DSK" verlängert werden, erklärten Hollande und die übrigen Anwärter. Spätestens aber durch die Strafanzeige der französischen Autorin Tristane Banon in der vergangenen Woche schwanden Strauss-Kahns Chancen auf eine Kandidatur jäh. Die Autorin wirft dem früheren Finanzminister vor, er habe sie bei einem Interview vor Jahren zu vergewaltigen versucht. Am Freitag leitete die Staatsanwaltschaft Paris polizeiliche Vorermittlungen ein; Strauss-Kahn droht nun auch in seiner Heimat ein Gerichtsverfahren - auch wenn er Gegenanzeige wegen Verleumdung gestellt hat. Umfragen zufolge wären zwei von drei Franzosen dagegen, dass der einstige Star der Sozialisten zur Präsidentschaftswahl antritt.

Bei den Befragungen liegt mittlerweile Hollande vorne, der die Partei mehr als zehn Jahre lang geführt hatte. Den Umfragen zufolge dürfte er die Vorwahl im Oktober mit 34 Prozent der Stimmen gewinnen, vor Aubry mit 32 Prozent. Abgeschlagen hinter den beiden liegt Ségolène Royal, die bei der letzten Präsidentschaftswahl gegen Sarkozy verloren hatte - ganz zu schweigen von den drei übrigen Kandidaten, den beiden sozialistischen Abgeordneten Manuel Valls und Arnaud Montebourg sowie dem linksgerichteten Senator Jean-Michel Baylet. Sollte Hollande das Rennen im Oktober machen, müsste sich Amtsinhaber Sarkozy bei der Präsidentschaftswahl in Acht nehmen: Nach den jüngsten Umfragen würden Hollande und er im ersten Durchgang mit 26 Prozent der Wählerstimmen gleichauf liegen.