1. Nachrichten
  2. Meinung
  3. Standpunkt

Analyse: Landwirtschaft in Zeiten der Wetterextreme

Analyse : Landwirtschaft in Zeiten der Wetterextreme

Wenn der Bauernverband an diesem Dienstag seine Erntebilanz vorstellt, denn wird auch die zuständige Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) etwas aufatmen können.

Nach Informationen unserer Redaktion fällt die Ernte 2020 aufgrund der Hitze zwar „unterdurchschnittlich“ aus, die Verluste sind aber bei weitem nicht so dramatisch, wie in den Jahren zuvor und wie eigentlich erwartet worden war. Demnach sind speziell die Regionen mit einem blauen Auge davongekommen, in denen es zwischendurch Gewitter gegeben hat.

Diesmal muss die Ministerin den Landwirten also nicht beispringen. 2018 war das anders: Nach der extremen Dürre wurden bundesweit knapp 300 Millionen Euro an Nothilfen ausgezahlt, Klöckner hatte seinerzeit die Ernteschäden als „Witterungsereignis nationalen Ausmaßes“ eingestuft, um Hilfsgelder gewähren zu können. Von Forderungen verschont bleiben wird die Ministerin aber nicht: Dem Vernehmen nach will der Bauernverband erneut eine staatliche Unterstützung der Landwirte für den Abschluss von „Mehrgefahrenversicherungen“ einfordern, über die die ökonomischen Folgen der Wetterkapriolen abgemildert werden können. Die Steuer auf diese Versicherungen ist allerdings bereits rapide gesenkt worden.

Die Auswirkungen des Klimawandels für die Landwirtschaft werden die Ministerin noch lange begleiten. Denn nach Ansicht vieler Experten nehmen Wetterextreme wie Dürre, Starkregen und Stürme weiter zu. Nicht zuletzt deswegen wurde Anfang Juli auf Betreiben Klöckners vom Kabinett die „Zukunftskommission Landwirtschaft“ eingesetzt, in der Verbrauchervertreter, Umwelt- und Tierschützer, Bauernverbände sowie Wissenschaftler an einem Tisch sitzen. Ein Schwerpunkt der Arbeit der 32 Mitglieder soll sein, Strategien zur Anpassung der Landwirtschaft an die Folgen des Klimawandels zu entwerfen. Außerdem geht es um eine Agrarpolitik der Zukunft, um die Rolle der Verbraucher, um Düngung und Gewässerschutz sowie Tierhaltung.

Unumstritten ist das Gremium aber nicht. Kritik gibt es jetzt an der Vielzahl der Mitglieder wie auch an der Fülle der Themen, die dort in der Kürze der Zeit behandelt werden sollen. In einem Schreiben an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) beschwerten sich kürzlich Umwelt-, Verbraucher und Tierschutzverbände, dass die Auswahl der Mitglieder allein durch das Bundeslandwirtschaftsministerium erfolgt sei. Auch seien nicht alle fachzuständigen Ressorts sowie das Kanzleramt eingebunden. So entstehe der Eindruck, dass die Arbeit der Kommission nicht im Interesse der gesamten Regierung liege.

Die Grünen werden noch deutlicher: Die Ministerin versuche offenbar, den Prozess zu verzögern. Klöckner habe sich in der Vergangenheit hartnäckig geweigert, „Impulse aus der Gesellschaft und anderen Ressorts zu berücksichtigen wenn es um dringende Umweltfragen und den zukunftsfähigen Umbau der Landwirtschaft ging“, lautet die Kritik des agrarpolitischen Sprechers, Friedrich Ostendorff. Nicht zuletzt die Corona-Krise habe gezeigt, dass das industrielle Agrarmodell, „mit drastischen Nachteilen und Gefahren für die Gesellschaft und die Landwirtschaft selbst verbunden ist“. Keinesfalls dürfe die Arbeit des Gremiums daher verzögert werden.

Getagt hat die Kommission, deren Einsetzung auch eine Konsequenz des Agrargipfels und der Bauernproteste Anfang des Jahres gewesen ist, allerdings coronabedingt noch nicht. Jetzt soll im September der Startschuss fallen. Klöckner hofft dann, schon im Sommer 2021 einen Abschlussbericht mit praxistauglichen Empfehlungen zu bekommen – kurz vor der Bundestagswahl also. Und vielleicht inmitten der nächsten Dürrephase.