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Analyse: Digitalisierung ermöglicht Älteren ein gutes Leben

Analyse : Digitalisierung ermöglicht Älteren ein gutes Leben

Die Digitalisierung macht um die ältere Generation keinen Bogen. Den Begriff selbst dürften allerdings viele als sperrig empfinden. Und es liegt wohl auch in der Natur des Menschen, dass er in jüngeren Jahren eher für Technik zu begeistern ist als im Rentenalter.

Unvertrautes löst da häufig mehr Skepsis aus. Dennoch eröffnet die Digitalisierung gerade älteren Menschen große Chancen für ein gutes Leben. Sie stößt bei Älteren dann auf Interesse, wenn persönliche Vorteile erlebbar werden. Wenn sie etwa ihr Bahnticket auf elektronischem Weg kaufen können oder Lebensmittel, statt dafür in die City fahren zu müssen.

Ein von einer Expertenkommission erstellter Altersbericht im Auftrag der Bundesregierung, den Seniorenministerin Franziska Giffey (SPD) am Mittwoch in Berlin präsentierte, kam  zu dem Ergebnis, dass von den rund 22 Millionen Menschen im Alter von 60plus immer mehr das Internet nutzen. Allerdings gibt es deutliche Unterschiede innerhalb dieser Bevölkerungsgruppe. Bei Beginn des Ruhestands greifen mittlerweile insgesamt gut 80 Prozent zu Laptop, Tablet oder Smartphone. Im Alter von über 70 Jahren geht die Nutzung aber deutlich zurück. Obendrein gibt es deutliche Geschlechterunterschiede. Zwar begeistern sich auch immer mehr Frauen für das Internet. Von den über 80-Jährigen, die es nutzen, sind aber nur 40 Prozent weiblich. Dabei liegt der Frauenanteil in dieser Altersgruppe insgesamt bei rund zwei Drittel.

Aber auch der Bildungsgrad spielt dem Bericht zufolge eine sehr große Rolle. Ältere mit niedrigem oder mittlerem Bildungsstand machen weniger von der digitalen Technik Gebrauch als ihre Altersgenossen mit hohem Bildungsgrad. So sind beispielweise nur 20 Prozent der Menschen mit Uni-Abschluss im Alter zwischen 73 und 78 Jahren nicht „online“. In der gleichen Altersgruppe, die nur einen Hauptschulabschluss vorweisen kann, sind es 60 Prozent.

Übrigens dürfte gerade die Corona-Krise dafür gesorgt haben, dass sich viele Ältere mit der virtuellen Welt vertraut machen – allein schon, um den Kontakt zu ihren Kindern und Enkeln aufrechtzuerhalten.

Generell aber gehe es nicht nur um das Skypen mit den Enkelkindern oder Einkaufen übers Internet, meinte Ministerin Giffey. Vielmehr müssten die digitalen Angebote stärker an den Bedürfnissen der Älteren ausgerichtet werden. Der Bericht listet dazu fünf Lebensbereiche auf: Wohnen, Mobilität, soziale Integration, Gesundheit und Pflege. So könnten digitale Technologien das selbstständige Leben in den eigenen vier Wänden unterstützen. Schon heute gibt es Systeme etwa zur Sturzerkennung oder für den Brandschutz. Die Telemedizin hat laut Bericht ebenfalls große Potenziale für Ältere.

Im Kern gehe es darum, mittels der neuen Technologien die Selbstbestimmung und Teilhabe älterer Menschen zu fördern, erklärte der Gerontologe und Kommissionsvorsitzende Andreas Kruse. Konkret wird gefordert, in allen Wohnformen für ältere Menschen Internetzugänge bereitzustellen und den öffentlichen Raum flächendeckend mit kostenlosem Wlan auszustatten. Für Ältere mit geringem Einkommen oder Grundsicherung solle die Internetznutzung einschließlich der Technik über das Sozialrecht gefördert werden, heißt es in dem Bericht.

Der ehemalige SPD-Chef und Vorsitzende der Bundesgemeinschaft der Senioren-Organisationen, Franz Müntefering, warnte indes davor, bei aller Digitalisierung die menschliche Zuwendung für Ältere zu vernachlässigen. Auch Giffey betonte, dass die neuen Technologien „niemals Ersatz für echte Begegnungen mit Menschen“ sein dürften. Zugleich versprach sie Unterstützung bei der digitalen Ausstattung von Mehrgenerationen-Häusern. Im Oktober solle ein Programm aufgelegt werden.