Alles hat seine Zeit

Ein alter Papst geht, ein neuer kommt Benedikt XVI. scheidet heute freiwillig aus einem Amt aus, das er zunehmend als Bürde empfand. Ab 20 Uhr ist er nur noch "Römischer emeritierter Pontifex". Die Frage, ob er weiterhin als "Heiliger Vater" gilt, stellt sich nicht, denn Joseph Ratzinger will nun als Eremit leben

Ein alter Papst geht, ein neuer kommt Benedikt XVI. scheidet heute freiwillig aus einem Amt aus, das er zunehmend als Bürde empfand. Ab 20 Uhr ist er nur noch "Römischer emeritierter Pontifex". Die Frage, ob er weiterhin als "Heiliger Vater" gilt, stellt sich nicht, denn Joseph Ratzinger will nun als Eremit leben. Diese Absicht ist nicht nur seiner physischen Erschöpfung geschuldet, sondern auch dem künftigen Papst. Nichts wäre schlimmer, als wenn das bisherige Oberhaupt den neuen Pontifex durch Gedanken, Worte und Werke relativieren würde. Deshalb ist der Schritt Benedikts, als Papst "in Rente" zu gehen und das Amt damit ein Stück weit zu entzaubern, ja auch so spektakulär.Die römische Kirche wird lernen müssen, mit der ungewohnten Situation umzugehen. Das kann ihr durchaus gelingen, denn sie ist schon mit ganz anderen Herausforderungen fertig geworden: Sie hat die Inquisition, Kreuzzüge, unwürdige Päpste und Gegenpäpste überdauert. Wichtiger als das Verhältnis der Gläubigen zum Pontifex Maximus sind die Qualität des Glaubens und vor allem die Verkündung einer Botschaft, die sich nicht am Dogmatismus orientiert, sondern an der Zeit, in der wir leben. Dazu war Benedikt - leider - nicht in der Lage. Sein exzellenter Ruf als Theologe hat ihm nicht dabei geholfen, die Köpfe und Herzen der Menschen zu erreichen. Schon als Chef der Glaubenskongregation hatte er sich von der realen Welt abgekoppelt, als Papst sind ihm schwerwiegende Fehler unterlaufen, nicht nur in der Regensburger Rede oder bei der Rehabilitation der Pius-Brüder.

So gern gerade die Deutschen das auch anders sehen würden: Der deutsche Papst hinterlässt keine großen Spuren. Er wird als ein Pontifex in die Geschichte eingehen, der sich durch seine Demut und Liebenswürdigkeit zwar weltweit Respekt erwarb. Der aber auch zu wenig aus der Chance gemacht hat, die dem "Stellvertreter Christi" als berühmtester Persönlichkeit auf Gottes Erden geschenkt wird: die Menschen so in ihrem Glauben zu bestärken, dass sie nicht (ver)zweifeln. Ihnen nicht nur den Segen, sondern auch Trost und Hoffnung zu spenden. Und die Lebenswirklichkeit mit Frauen-Gleichberechtigung und Familienplanung so zur Kenntnis zu nehmen, wie Jesus Christus das getan hätte.

Was nun keimt, ist die Sehnsucht der Gläubigen nach einem Reformpapst. Einem echten "papa populi", der mitten im Leben steht. Und so könnte Benedikts größte Leistung womöglich darin bestehen, dass ausgerechnet sein konservatives Pontifikat den Boden dafür bereitet hat, dass der Mut zur Veränderung bald auch in der ehrwürdigen katholischen Kirche einzieht. In der Bibel steht es geschrieben: "Ein jegliches hat seine Zeit." Servus, Benedikt.