Afrika als Kontinent der Chancen

Nach der üblen Schlappe seiner Sozialisten bei den Kommunalwahlen wollte Frankreichs Präsident François Hollande gestern in Brüssel Tatkraft beweisen. Wenige Stunden nach Beginn des EU-Afrika-Gipfels trat er bereits mit Bundeskanzlerin Angela Merkel vor die Presse, um eine Allianz mit Afrika in den Bereichen Sicherheit, Entwicklung und Klimawandel anzukündigen.

Seine Botschaft: Frankreich steht nicht allein mit seinem historisch bedingten besonderen Interesse am Nachbarkontinent. Was Merkel artig bekräftigte.

Zugleich lobte sie Frankreichs engagiertes militärisches Vorpreschen in Zentralafrika. Nach einem Putsch muslimischer Rebellen vor einem Jahr ist die Gewalt eskaliert. Christen und Muslime massakrieren sich gegenseitig. Nach Angaben der Uno wurden 650 000 der 4,6 Millionen Einwohner innerhalb des Landes vertrieben. Derzeit versuchen 2000 französische und 5500 afrikanische Soldaten, den Konflikt einzudämmen, konnten das Morden aber bislang nicht stoppen.

Nun soll eine bis zu 1000 Mann starke EU-Truppe dazukommen. Die Kosten für einen sechsmonatigen Einsatz werden auf rund 26 Millionen Euro geschätzt. Vehement hatte Hollande ein Engagement der EU-Partner eingefordert. Der deutsche Anteil daran ist allerdings überschaubar: Neben einem Sanitätsflugzeug und zehn Soldaten in den Hauptquartieren in Zentralafrika und Griechenland sollen zwei gemietete Antonow-Transportflugzeuge zur Verfügung gestellt werden. Dass sich Hollande dennoch überschwänglich bedankte, schien der Kanzlerin gestern fast peinlich. Für Deutschland sei es eben "eine längere Wegstrecke", abseits von Entwicklungshilfe "in Afrika stärker Verantwortung zu zeigen", sinnierte sie. Nun wollten Deutschland und Frankreich gemeinsam zum Motor der Partnerschaft mit Afrika werden. Was das genau heißt, ist noch nicht klar. Große Geldgeschenke bedeutet es aber nicht. Die Kanzlerin warb in Brüssel dafür, Afrika nicht nur als Kontinent der Probleme wahrzunehmen, sondern als Kontinent der Chancen. Mehr Handel und mehr Investitionen aus Europa könnten dazu beitragen, dass "Afrika als selbstbewusster Kontinent selbst seine Probleme lösen kann".

Der Handel zwischen beiden wächst seit Jahren - in beide Richtungen. 2013 exportierten die EU-Staaten Waren im Wert von 153 Milliarden Euro auf den afrikanischen Kontinent. Umgekehrt gehen 40 Prozent aller afrikanischen Ausfuhren in die EU, den größten Handelspartner. Voriges Jahr gingen Waren für 168 Milliarden Euro nach Europa, vor allem Rohstoffe. Afrika hat enorme Rohstoffvorkommen, die Wirtschaft entwickelt sich zum Teil rasant. China sichert sich schon seit Jahren forsch Rohstoffe und Absatzmärkte, Europa hinkt hinterher.

Rund 90 Delegationen aus den 28 EU-Staaten und den 54 afrikanischen Ländern sind zu dem zweitägigen Gipfel-Treffen angereist. Heute wollen die Staats- und Regierungschefs weiter über eine bessere politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit beraten. Eine Verbesserung der Lebensbedingungen auf dem Nachbarkontinent ist auch deshalb im Interesse der EU, weil sich nur so Flüchtlingsdramen wirksam verhindern lassen. Denn jedes Jahr fliehen Hunderttausende Afrikaner aus ihrer Heimat, um dem sozialen Elend zu entkommen. Viele verlieren ihr Leben beim Versuch, nach Europa zu kommen. Dieses Thema aber spielte zumindest am ersten Tag des Gipfels keine wesentliche Rolle.